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Geheimnis und Individuum

Anna Schoch

Geheimnis und Individuum

Das Buch „The Circle“ von Dave Eggers1 bekam im Jahr 2014 ungewöhnlich viel mediale Aufmerksamkeit. Thematischer Kern ist der vollkommene Geheimnisverzicht in allen Lebensbereichen. Im Grunde ist der Roman eine Wiederbelebung von Aldous Huxleys2 „Schöne neue Welt“  aus dem Jahr 1931 – George Orwells3 „1984“, das er 1948 schrieb, ist seine düstere Entsprechung.

Es ist beunruhigend, wie wenig wir uns über die Ausspähungen durch allerlei Dienste – ob im Interesse des Staates oder des Konsums – bekümmern. Heftigste Proteste, Hungerstreiks, Straßenkämpfe oder Lichterketten sind Reaktionen auf Stuttgart 21,  Castor-Transporte oder Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünften; aber die Ausspähung unserer Privatsphäre, unserer Ortsveränderungen, unserer Kaufgewohnheiten bis hin zu unseren physiologischen Befindlichkeiten, wird erstaunlich klaglos hingenommen oder verdrängt. Das wirft Fragen auf:

 Was ist ein Geheimnis?

Es gibt eine Vielzahl von Begriffen und Assoziationen, die mit dem Geheimnis verbunden sind: Verborgenheit, Enigma, Rätsel, Arkanum, Mysterium, die Kulte im antiken Griechenland oder im alten Ägypten. Christliche Mystik (Hildegard von Bingen, Nikolaus von Kues, Meister Eckhart) – oder auch islamische Mystik (Sufi) und jüdische Mystik (Kabbala) usw..

Ein wichtiger Punkt, der für mediale Dauerempörung sorgt, ist in diesem Zusammenhang der Geheimnisverrat. Judas ist sein Archetyp. Der Verräter gilt seit Urzeiten als das abscheulichste Individuum überhaupt.

Seit Julien Assange (gefangen in der Ecuadoranischen Botschaft in London) und Edward Snowden („gefangen“ in Russland), wissen wir, dass wir in allen Lebensbereichen ausgespäht werden. Heute nennt man das BIG DATA und gerade in unseren Tagen – im Oktober 2015 – wurde das Vorratsdaten-speicherungsgesetz (VDS) in Deutschland verabschiedet. Es besagt, dass personenbezogene Daten gespeichert werden dürfen. Dies sind die

-Standortdaten der Teilnehmer aller Mobiltelefonate bei Beginn des Telefonats (4 Wochen)

-Standortdaten bei Beginn einer mobilen Internetnutzung (4 Wochen)

-Rufnummern, Zeit und Dauer aller Telefonate (10 Wochen)

-Rufnummern, Sende- und Empfangszeit aller SMS-Nachrichten (10 Wochen)

-Zugewiesene IP-Adressen aller Internetnutzer, sowie Zeit und Dauer der

Internetnutzung (10 Wochen).

Entgegen der weit verbreiteten Meinung bedarf es dazu keiner richterlichen Anordnung. Wir werden alle überwacht.4

Dieses Eindringen in die persönlichste Sphäre verursacht Unbehagen, denn „Das Recht auf Privatsphäre gilt als Menschenrecht und ist in allen modernen Demokratien verankert.“5

Bereits in der Antike wurde das Recht auf die private Sphäre des Individuums diskutiert – allerdings galt es nur für die Eliten. Sklaven stand kein Recht auf Privatheit zu. Im Mittelalter konnten sich ebenfalls nur wenige Adelige und reiche Bürger privates Leben erlauben, Mönche hatten in ihren Klosterzellen eingeschränkte Rückzugsmöglichkeiten.

Die Neuzeit brachte eine andere Vorstellung von individuellen Menschenrechten mit sich. Seit der Big-Data-Entwicklung scheinen wir aber eher wieder auf den Stand des Mittelalters zurückgeworfen zu werden. Die Aufzeichnungswut der großen Datenverwerter erlaubt keine Privatheit mehr.

Es gibt zwar Widerstand. Whistleblower wie z.B. Assange oder Snowden versuchen auf das ungeheure Ausmaß der Ausspähungen und den damit verbundenen Bruch der Menschenrechte aufmerksam zu machen, – allerdings ohne Erfolg! Assange, Snowdon und ihren Mitstreitern haftet der Geruch des Verrats an und so bleiben die Reaktionen ambivalent, indifferent oder abwartend.

Dennoch haben wir ein ungutes Gefühl, da wir uns mit jedem Click ins Internet selbst verraten. Wir leben wie auf einer Bühne, auch wenn uns das nicht immer bewusst ist. Wir verändern uns aber auch im Wissen darum, dass ständig jemand mithört, mit bewertet. Wir fühlen uns dadurch diffus bedroht. – Wer weiß schon, wie irgendwann einmal die Daten gegen uns sprechen, wie sie interpretiert werden.

Das Wissen um die digitale Überwachung macht uns vorsichtig. Wir werden eingeebnet, Unterhaltungen werden banaler, die Medien vermeiden anspruchsvolle Themen und damit dreht sich die Spirale unserer Kultur immer weiter nach unten. Wenn man z.B. Literatur, die unter gebildeten Leuten im 18. Jahrhundert verbreitet war und auch lebhaft diskutiert wurde, mit Gesprächen unter den heutigen Eliten vergleicht, dann hat sich das Wort Max Webers bereits erfüllt: „Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.6

Die Entwicklung von Persönlichkeit, eines Selbst, wird auf diese Weise vermieden. Dabei geht von individuierten Menschen ein Geist und eine Energie aus, von dem das Kollektiv profitiert. Eine Gesellschaft, in der man frei denken und handeln darf, besitzt ihr kostbarstes Gut in diesen Menschen. Sie wird sich besser entwickeln, als jedes Land, das mit Bodenschätzen oder Industriegütern reich gesegnet ist. Voraussetzung für die Freiheit des Denkens und Handelns ist ein Konsens darüber, dass diese Freiheit dort endet, wo die eines anderen anfängt.

Das Geheimnis ist also eng mit der Selbstentwicklung verbunden. Sie beginnt in der Kindheit im Alter von etwa acht Jahren und endet eigentlich nie. Wie immer man einen Menschen betrachtet: wenn man seine Würde nicht antasten will, darf man auch seine Geheimnisse, sein Privatleben, nicht berühren. Die Psyche würde so reagieren, als ob sie von Verrätern umstellt wäre.

Im Mittelalter wurde Verrat als Kapitalverbrechen, gleich wie Mord, geahndet. Das bedeutet, dass ein Geheimnis eigene Würde und Wert besaß, obwohl es zu dieser Zeit kaum ein Privatleben gab. Heute sollten wir daran denken, dass sich die Seele nicht so schnell auf modernere Ansichten einstellen kann. Der etwas einfältige Satz „Ich habe nichts zu verbergen“ den man allzu oft hört, wenn man die resignierte Gleichgültigkeit zum Thema Überwachung anspricht, verfehlt die Bedeutung, die der Schutz des Privatlebens für jeden Einzelnen hat.

Ein Geheimnis zu hüten, kann einen hohen Preis fordern, wie z.B. bei Helmut Kohl und seinem Ehrenwort. Man denke an die Paparazzi, die Prominente regelrecht vor sich her treiben. bis zur völligen gesellschaftlichen Vernichtung wie etwa den früheren Bundespräsidenten Christian Wulff.

König Ludwig II von Bayern schrieb an die Schauspielerin Marie Dahn-Hausmann am 25. April 1876: „Ein ewig Räthsel will ich bleiben mir und anderen.“7. Die geheimnisvollen Menschen, die sich der Öffentlichkeit entziehen, bleiben unsterblich. Es ist immer das Rätsel, das Geheimnis, das uns bannt und interessiert.

Angehörige von Geheimbünden wie z.B. Freimaurer oder Rosenkreuzer versprechen sich Verschwiegenheit. Allein schon deshalb sind sie stark. Ein Geheimnis verbündet, schweißt zusammen, selbst dann, wenn die Zielsetzungen anrüchig sind, wie z.B. bei der Mafia. Aber auch hier haben wir ein Beispiel für die Macht und Energie, die Geheimhaltung mit sich bringt. (Man vermutet sogar, dass der oft als erstaunlich bewertete Machterhalt, der von der Regierung Merkel ausgeht, im hohen Maße von ihrer eigenen Verschwiegenheit und der ihrer engsten Mitarbeiter herrührt.)

Der eigentliche Ursprung der Faszination von Geheimnissen liegt in den religiösen Wurzeln, denen das Geheimnis entstammt. Geheimnisse wecken unwillkürlich Interesse. Es geht ein energetischer Sog vom Geheimnis aus. Man umkreist es, will es „lüften“ – „ent-decken“. Ein Geheimnis ist ein Versprechen, eine Hoffnung, auch eine Befürchtung ein Numen, die Anwesenheit eines gestaltlos Göttlichen8 (Rudolf Otto). Die Mysterienkulte und Orakel der Antike, in Ägypten, die Magier, Auguren, Astrologen und Schamanen hatten durch ihr Geheimwissen Macht; Selbst über Herrscher und Könige.

C.G. Jung9 gibt einen Hinweis auf den Ursprung des Geheimnisbegriffes in seinem Aufsatz „Über die Energetik der Seele“: Nach seiner Auffassung sind die Anfänge der religiösen Symbolbildung mit einem „energetischen Begriff“ verbunden. Sie „zeigen die aller primitivste Vorstellung von einer magischen Potenz, die ebenso wohl als objektive Kraft betrachtet wird, als sie auch subjektiver Intensitätszustand ist“. Zum besseren Verständnis nennt Jung einige Beispiele, die er bei Ethnologen und Anthropologen gefunden hat: Die Dakota nennen diese magischen Potenz oder Kraft: Sonne, Mond, Sterne, Unwetter, Donner und Blitz. Schamanen bezeichnen viele Tiere, selbst Gegenden mit auffälligem Charakter mit „Wakanda“. Diesen Ausdruck könnte man mit „Geheimnis“ wiedergeben – aber er ist zu eng, da Wakanda ebenfalls „Kraft“, „heilig“ „unsterblich“ usw. bedeuten kann. Jung macht darauf aufmerksam, dass es überall in der Welt ähnliche Begriffe gibt, wie z.B. „oki“ bei den Irokesen, „Manitou“ bei den Algonkin, ähnliche Begriffe finden sich in Afrika, Australien und Fernost. Sie haben immer die abstrakte Bedeutung von Kraft oder produktiver Energie.

Jung schreibt: „Das Leben des Primitiven dreht sich sozusagen in allen seinen Interessen darum, diese Kraft (Geheimnis) in genügender Menge zu besitzen. Diese „fast universale Verbreitung der primitiven Energieanschauung“ gilt Jung als Bedürfnis der Menschheit „die Dynamik des seelischen Geschehens anschaulich zu bezeichnen“10. Man denkt unwillkürlich an unseren Ausruf: „Mein Gott!“ – oder „Oh Gott, oh Gott!“ … Das Bedürfnis diese Energie (der Seele) in genügender Menge zu besitzen, erklärt unsere Affinität mit dem Geheimnisbegriff, in dem alles steckt: Mächtigkeit, Macht und Potenz im weitesten Sinn.

Die heutigen Auguren sind Meinungsforscher. Sie sorgen dafür, dass durch genaue Bewegungs-, Kontakt-, Lese- und Einkaufsprofile die Denkgewohnheiten der Bevölkerung vermessen und aufgeschlüsselt werden. Wer weiß, wie das Volk denkt, kann es beherrschen. Das ist eine uralte Weisheit aller Mächtigen.

Heute sind die Gedanken also nicht mehr so frei wie wir immer dachten! Wir verraten durch unser Verhalten mehr, als uns lieb ist. Wir können nichts mehr verbergen, da jederzeit von interessierter Seite auf unser Leben und unsere Vergangenheit zugegriffen werden kann. Wir werden uns also bemühen, ein weitgehend untadeliges Leben zu führen. Früher war es nur der „liebe Gott“, der auf uns blickte und von dem wir Vergebung erhoffen durften, heute kann man sich nicht mehr darauf verlassen, dass die Späher trotz unserer Schuldhaftigkeit  wohlwollend auf uns blicken. Wer weiß, ob die Big Data-Besitzer im Silicon Valley die Größe haben, die Menschheit ohne Eigeninteresse zu betrachten. Was wissen wir von den eigentlichen Herrschern, von ihren Geheimnissen und Absichten in dieser datengetriebenen Welt?

Dieses Szenario wird schon bei Huxley und Orwell beschrieben. Vielleicht kennt man diese unfreie Wirklichkeit noch aus den Zuständen der DDR oder aus Zeiten der NS-Diktatur. Heute wird der Eingriff ins Privatleben mit „Sicherheit und Gefahrenabwehr“ begründet, – was immer auch darunter zu verstehen ist.

Warum brauchen wir Geheimnisse?

Wer ein Geheimnis besitzt, ist durch dieses Geheimnis vom Kollektiv

(zunächst einmal) getrennt. Diese Trennung ist aber unabdingbar für die Entwicklung zur eigenständigen Persönlichkeit, die aus sich selbst heraus denken, fühlen und handeln kann und nicht in infantiler Abhängigkeit vom Kollektiv lebt.. Andererseits entstehen daraus erhebliche Probleme – sowohl für den Geheimnisträger – wie auch für seine Umgebung. Persönlichkeiten, die sich „ihres Verstandes ohne fremde Hilfe bedienen“11, sind den Mächtigen suspekt. Sie hinterfragen die Obrigkeit. Die aber wünscht sich einfach zu lenkenden Bürger.

Der Gesetzgeber hat dem Bedürfnis nach Wahrung der Privatsphäre Rechnung getragen und bezüglich der Verletzung von Privatgeheimnissen im Strafgesetzbuch entsprechende Paragraphen formuliert12. Es handelt sich also eigentlich um eine öffentliche Aufgabe die Privatsphäre zu schützen. Damit wird ihre Notwendigkeit anerkannt. Diese Gesetze entstanden allerdings noch vor der digitalen Revolution, als der Mensch noch als Individuum respektiert wurde. Dies bringt uns zur Frage nach dem Zusammenhang von Geheimnis und Individuum: Dazu fällt einem sofort Facebook ein, das immer zuerst die Frage stellt: „Was machst Du gerade?“

Wie entwickelt man sich zum Individuum?

C.G. Jung erzählt in seiner Biographie folgende Geschichte: Als Kind, etwa im Alter von 7-10 Jahren, hatte er sich aus einem Stift ein kleines Männlein geschnitzt. Er bekleidete es mit einem Mäntelchen und einem Hut und legte es zusammen mit einem länglichen bemalten Stein in ein Federkästchen. Das versteckte er an einem geheimen Ort im Speicher des Elternhauses. Von Zeit zu Zeit beschrieb er in Geheimschrift (!) kleine Papierröllchen und brachte sie zum Versteck. Dabei hatte er ein feierliches, erhabenes Gefühl. Er hatte sein Geheimnis! Dieses Geheimnis blieb ihm etwa zwei Jahre lang sehr wichtig, danach vergaß er es.

Erst viel später, als er bereits Forschung betrieb und ähnliche geheimnisvolle Verstecke bei primitiven Stämmen fand, fiel ihm sein eigenes Kindheitsgeheimnis wieder ein. Es war eine typische Handlung, die mit seiner Entwicklung und Selbstwerdung zu tun hatte! Durch das Geheimnis vereinzelte er sich und wurde zum eigenständigen Wesen, zum Individuum zur eigenständigen Persönlichkeit13.

 „Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden. Man könnte “Individuation“ darum auch als „Verselbsttung“ oder als „Selbstverwirklichung“ übersetzen.“ 14

Wenn man an unsere mediale Dauerbefeuerung denkt, die eine Entwicklung zum Selbst geradezu unmöglich macht, und vielmehr eine Umgestaltung in eine Kollektivpsyche betreibt, dann wird einem klar, warum es unerlässlich ist, sich zu individuieren, denn das Aufgehen im Kollektiv führt zu Handlungen, die man selbst niemals ausführen würde. Man denke nur an die Veränderungen, die in Menschen vor sich gehen, wenn sie in Diktaturen leben. … Das sind die großen Gefahren, die von Big Data ausgehen. Sie verhindern, dass Persönlichkeiten entstehen, unbeeindruckt vom Mainstream ihr Leben so führen, wie es mit sich selbst verantworten können.

Hatten wir nicht alle in unserer Kinder- und Jugendzeit unsere ganz besonderen Geheimnisse? Haben wir die mit dem besten Freund, der besten Freundin geteilt? Das Tagebuch, das heimliche Versteck? Bestimmte Rituale? Heimliche Lektüre? Schwärmereien, von denen man niemand etwas erzählte? Selbstgespräche? Geheimschriften? Das sind die Vorboten der Entwicklung zum Selbst, zur Persönlichkeit.

Warum ist es so schwer, ein Geheimnis für sich zu behalten?

Wir tragen in uns zwei gleich starke Bedürfnisse, die einander entgegengesetzt sind: Es ist das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Bindung und das Bedürfnis nach Autonomie und Freiheit.

Bei totaler, symbiotischer Zugehörigkeit gibt es kein Geheimnis da man vollständig zu allen gehört. (Das Erfolgsgeheimnis von Facebook, Twitter und Co.).

Beim Bedürfnis nach Selbstentwicklung und Freiheit ist man allein und alles ist Geheimnis.

Wie kann man diesen unvereinbaren Forderungen gerecht werden? Den Konflikt zwischen Zugehörigkeit und Autonomie kennen wir alle.

Haben Sie schon einmal Eltern beobachtet, die mit ihrem Kind, das gerade erst Laufen gelernt hat, spazieren gehen? Das Kind probiert sich aus und läuft, so gut es seine kleinen Beinchen tragen können, den Eltern davon. Nach einiger Zeit bleibt es stehen und vergewissert sich, ob die Eltern noch da sind. Es ist ein beliebtes Spiel, sich von der besorgten Mutter oder dem Vater wieder einfangen zu lassen. – Es kann aber auch sein, dass die Eltern sich nun ihrerseits verstecken und das Kind damit in Verwirrung stürzen. Wenn es sich umdreht, wird es erst nach den Eltern suchen, sind sie längere Zeit nicht zu sehen, könnte es große Angst bekommen und weinen.

In diesem Spiel sehen wir schon den Ansatz zum späteren Konflikt:

Einerseits wollen wir unsere Kräfte und unseren Spielraum ausloten, – andererseits brauchen wir eine sichere Basis, von der aus wir operieren können. Eine Heimat, eine Familie, einen Ort, an den wir immer wieder zurückkehren können.

Ein ständiger Konflikt in Paarbeziehungen! Entweder lebt man symbiotisch zusammen; die Folge ist Langeweile – oder jeder ist nur mit den eigenen Angelegenheiten beschäftigt und man wird sich fremd – und fühlt sich einsam.

Diese Ambivalenz muss man aushalten können und sich – wie auf einer Brettwippe – um den Mittelpunkt herum etwas hin- und her bewegen. In der Mitte liegt die Lösung!  Geht man nur auf eine Seite, droht Stillstand, der alle Kreativität erstickt. Wer mit diesem Konflikt reifer umgeht und um den Mittelpunkt herum spielerisch tanzend sich bewegen kann, wird sich weit besser fühlen. (Die Darstellung und Lösung dieses Konfliktes würde eine abendfüllende Erörterung verlangen.)

In Richard Wagners15 Oper, singt Lohengrin, Retter der Elsa von Brabant, eindringlich: „Nie sollst du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam‘ und Art!“

Elsa, die ihm für ihre Rettung zutiefst dankbar ist – verspricht: „Nie, Herr, soll mir die Frage kommen!“ – Da singt Lohengrin noch einmal eindringlicher: „Elsa! Hast du mich wohl vernommen? Nie sollst du mich befragen…“. – Später redet ihr die falsche Ortrud ein, dass Lohengrin sicher Gründe hat, seine Herkunft zu verbergen, dass er möglicherweise sogar ein böser Magier sei, der genauso plötzlich wieder verschwindet wie er aufgetaucht ist. – Aus Angst ihn zu verlieren, fragt sie ihn in der Hochzeitsnacht dann doch – und verliert ihn!

Dabei hatte Lohengrin ein gutes Geheimnis: Er war Gralsritter und brauchte sich seiner Herkunft nicht zu schämen.

Richard Wagner hat hier ein immer wieder auftauchendes Problem zwischen Mann und Frau thematisiert. Es sind sehr oft Frauen in den alten Geschichten, den Märchen und Sagen, die ihre Neugier nicht zügeln können und dadurch Geheimnisse aufdecken. Dadurch richten sie meist Unheil an. Woher kommt dieses Vorurteil? Es hat möglicherweise mit Existenzängsten, der schwachen Stellung der Frau und ihrer damit verbunden Unsicherheit zu tun. Eine in sich ruhende Persönlichkeit muss nicht schnüffeln, sie hat genug Vertrauen in sich und die Welt, so dass sie den Dingen, die da kommen ruhig entgegen sehen kann. Wer unsicher ist, muss spionieren, ausspähen. Dies gilt natürlich auch für die Politik: Je unsicherer das Regime, umso umfassender sind seine Geheimdienste.

Warum ist es so schwer, ein Geheimnis zu bewahren? – Weil allein schon durch das Wissen um die Existenz eines Geheimnisses, die gesamte Umwelt in Erregung versetzt. Das Wissen um ein Geheimnis verlangt gebieterisch nach Aufklärung.

Der gewichtigere Grund, ein Geheimnis preiszugeben, aber ist der dringende Wunsch, “dazu“ zu gehören. Der Mensch ist ein auf Gemeinschaft angelegtes und Gemeinschaft bildendes Lebewesen. Insofern wird uns die Vereinzelung, der wir durch den Geheimnisbesitz ausgesetzt sind, immer auch schwer belasten.

Es gäbe keine Geständnisse – weder bei Gerichten noch privat – wenn dieser Druck nicht existierte.

Das Beichtgeheimnis der römisch-katholischen Kirche16 ist unverletzlich. Die direkte Verletzung desselben wird mit Exkommunikation bestraft. Rechtsgeschichtlich handelt es sich hier um eine der ältesten Datenschutzvorschriften!

Auch die evangelischen Landeskirchen haben das Beichtgeheimnis zu beachten. Die Beichte hilft den Druck des Ausschlusses von uns zu nehmen; vorausgesetzt, man erhält Absolution.

Jedem Geständnis geht ein schwerer innerer Kampf voraus. Ein Geheimnis mit sich „herumzuschleppen“ – das Wort zeigt uns genau, was es damit auf sich hat – kann tatsächlich die Körperhaltung verändern. Von dieser Last möchte man sich befreien, damit man wieder aufrecht gehen kann. Das Geständnis führt zurück in die Gemeinschaft, selbst wenn sie die schwersten Strafen verhängt.

Was sollten wir dem jeweils anderen an Geheimnissen zugestehen?

Von Ephraim Kishon17 ist folgendes Bonmot verbreitet: „Es kommt im Leben jedes Mannes einmal die Stunde der Wahrheit der man sich stellen muss: Dann hilft nur eines: lügen, lügen, lügen!“ Das könnte sogar sehr ratsam sein, denn nicht jede Beziehung hält die ganze Wahrheit aus.

Wir müssen unsere Geheimnisse in die eigene Verantwortung nehmen. Das kostet zwar etwas Nähe, andererseits fühlen wir in uns in dieser Einsamkeit* auch stolz und – durch unser Wissen um etwas – erleben wir uns als Individuum als ein unteilbares Ganzes. Wir erlangen dadurch eine spürbare Würde.

*(das Wort „einsam“ drückt das „Eins sein mit sich zusammen“ sehr gut aus)

Manche Geheimnisse wirken wie tödliches Gift, wie z.B. langjährige Untreue, verschwiegene Erkrankungen, Suizide, Missbrauch, existenzgefährdende Schulden, außereheliche Kinder, schwerwiegende Vertrauensbrüche.

Daneben gibt es aber andere Geheimnisse, die wir alle kennen: Gedanken, die wir für uns behalten, Träume, Pläne, Fantasien – und unser Intimleben. Sie gehören nur uns. Sie sind wichtig für unsere Integrität und Individualität. Um sich selbst bleiben zu können, brauchen wir einen inneren Raum der nur uns gehört.

So möchte ich am Ende meiner Ausführungen aus der Oper „Iphigenie auf Tauris“ von Christoph Willibald Gluck19 zitieren:

Orest sagt zu Iphigenie die unvergleichlichen Worte:

„Ich ehrte dein Geheimnis – du forsche nun nichts mehr!“1819

Literaturverzeichnis:

1Eggers, Dave (2014, 2. Aufl.): Der Circle. Köln: Kiepenheuer & Witsch

2Huxleys, Aldous (1932): Schöne neue Welt. Frankfurt am Main, Mai 2012: S. Fischer Verlag

 3Orwell, George (1949), (2013, 36. Aufl.): 1984. Berlin: Ullstein Verlag

4https://de.wikipedia.org/wiki/Vorratsdatenspeicherung(letzter Zugriff: 25.10.2015)

5https://de.wikipedia.org/wiki/Privatsph%C3%A4rehttps://de.wikipedia.org/wiki/Privatsph%C3%A4re (letzter Zugriff: 25.10.2015)

6Weber, Max (1.-8., photomechan. gedr. Aufl. – 1986): Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I. Tübingen: J.C.B. Mohr 1920, S. 204

7von Böhm, Gottfried (1924): Ludwig II. König von Bayern. Sein Leben und seine Zeit. Berlin: zweite, vermehrte Aufl. S. 438).

https://de.wikiquote.org/wiki/Ludwig_II._von_Bayern

8 Otto, Rudolf https://de.wikipedia.org/wiki/Numen (letzter Zugriff: 25.10.2015)

 9Jung, C.G. Die Dynamik des Unbewussten. Über die Energetik der Seele. GW 8, § 114-120, 2. original gemäß rev. Aufl. 1976. Walter-Verlag Olten (1971)

10Ebd. § 116

11 Kant, Immanuel Was ist Aufklärung? Berlinische Monatsschrift, 1784

https://de.wikipedia.org/wiki/Beantwortung_der_Frage:_Was_ist_Aufkl%C3%A4rung%3F (letzter Zugriff 16.12.2015)

Kant, Immanuel: Was ist Aufklärung. 1784. (Büchmann, Gg.: Geflügelte Worte. Der klassische Zitatenschatz. 39. Aufl. Ullstein, Frankfurt am Main/Berlin 1993, S. 330).

12Strafgesetzbuch 15. Abschnitt – Verletzung des persönlichen Lebens- und Geheimbereichs §§ 201-206)

http://www.gesetze-im-internet.de/stgb/BJNR001270871.html (letzter Zugriff: 16.12.2015)

13Jaffé, Aniela: Erinnerungen, Träume, Gedanken von C.G. Jung. 6. Aufl. 1988, S. 27-30. Walter-Verlag Olten, 1971)

14Jung C. G., GW 7, Zwei Schriften über analytische Psychologie: 5. Die Funktion des Unbewussten. § 266, 4. vollst. rev. Aufl. 1989 Walter–Verlag Olten 1971

15Wagner, Richard Oper (1983): „Lohengrin“. 1. Aufzug, 3. Szene. Seite 21. Reclam. Universal-Bibliothek Nr. 5637

16 Kirche, Römisch-katholisch(can. 983§ 1 CIC)

https://de.wikipedia.org/wiki/Beichtgeheimnis (letzter Zugriff: 16.12.2015)

17 Lisa Kishon-Witasek (2012) Geliebter Ephraim. München: Langen Mueller Herbig

18Bd. Vermischte Schriften – Google Books-Ergebnisseite

https://books.google.de/books?id=YnA5AAAAMAAJ

Johann Baptist von Alxinger, ‎Florian – 1812

Iphigenie Nun wohl denn — Grausamer! erfülle deinen Wunsch. Orestes (zu … Ich ehrte dein Geheimnis;; Du forsche nun nichts mehr. Pylades. Wohl, ich will … (Letzter Zugriff: 29. 12. 2015)

19 Gluck, Christoph Willibald, Oper Iphigenie auf Tauris, Uraufführung 1779, Paris

https://de.wikipedia.org/wiki/Iphig%C3%A9nie_en_Tauride

https://www.google.de/#q=ich+ehrte+dein+Geheimnis (Letzter Zugriff: 19.12.2015)

Eros – in unseren Zeiten? Eine Polemik

DGPA Wien 24. – 27. Oktober 2013 Sexus und Eros

Anna Schoch

Eros – in unseren Zeiten? Eine Polemik

Die Götter der griechischen Mythologie sind eigentlich Personifikationen von Motiven bzw. Energien oder Kräften die in uns wirken. Dieses Prinzip würde C. G. Jung wohl Archetypen [1] nennen. Jeder Gott steht für eine wichtige oder schicksalhaft erlebte Lebenssituation, mit der wir uns alle irgendwann einmal auseinandersetzen müssen. (Parallelen zum Heiligenhimmel sind unübersehbar.) Heroen sind die sterblichen Untertanen dieser Götter. Ihr jeweiliger Mythos gibt uns Kunde davon, welche Folgen Widerstand gegen ihren Willen oder ihre Launen hat. Ein anschauliches Beispiel bietet Goethe im Gedicht „Prometheus“. Es handelt von der mythischen Zeit, in der Heroen noch persönlich mit ihren Göttern verkehrten; ganz ähnlich wie im Alten Testament. C.G. Jung beschreibt in seinem Buch „Antwort auf Hiob“ diesen launischen Gott, der den archaischen Göttern ähnelt, und erst durch die Emanation von Jesus eine Weiterentwicklung erfährt.

Hesiod, der etwa um 700 v. Chr. als Dichter und Philosoph in Alexandria lehrte, versuchte erstmals einen Stammbaum der griechischen Götter zu erstellen. Darauf bauten die späteren Geschichtsschreiber und Dichter auf. Aus dem Chaos entsteht die erste Göttergeneration: Gaia/Erde, Tartaros/Unterwelt, Eros/Liebe, Erebos/Finsternis und Nyx/Nacht. Eros, die Liebe ist also einer der ersten und damit bedeutungsvollsten Götter.

In der Komödie „Die Vögel“ von Aristophanes (414 v.Chr.) schlüpft Eros aus einem Ei, das die schwarzgeflügelte Nacht gelegt hat. Eros hat aber goldene Flügel und zeugt mit Chaos das Geschlecht der Vögel. Die Flügel verweisen auf die geistige Dimension der Liebe. (Vielleicht sind auch die vulgär-erotische Anspielungen aus diesem Bild entstanden)

Sophokles thematisiert in der Tragödie „Antigone“ den Konflikt zwischen erotischem Begehren und Loyalitätspflichten. Eros veranlasst Haimon, den Sohn des Kreon, sich gegen Antigones Hinrichtung aufzulehnen. Eros wird in dieser Dichtung als „unbesiegt im Kampf“ angesprochen. Damit wird die Überzeugung ausgedrückt, dass der Mensch der Macht des Eros vollkommen ausgeliefert ist.

Auf diese Genealogie müssen wir uns besinnen, wenn wir die aktuellen Aspekte des Eros-Begriffes betrachten wollen. Von Voluptas, der Tochter von Amor und Psyche war zunächst noch keine Rede im Mythos. Die Begierde und die mit ihr verbundene Hoffnung auf Wollust stammen aus einer sehr viel späteren erweiterten Göttererzählung. Heute scheint vom göttlichen Flügelschlag nichts mehr vorhanden zu sein. Wohin hat sich unser Verständnis von Eros entwickelt?

„Die lächerliche und beinahe krankhafte Übertreibung des sexuellen Gesichtspunktes ist an sich ein Symptom einer zeitgenössischen geistigen Störung, die hauptsächlich auf der Tatsache beruht, dass unsere Zeit kein richtiges Verständnis der Sexualität besitzt (…) In Wirklichkeit könnte keine moralische Verurteilung die Sexualität so verhasst machen, wie die Obszönität und die verblendete Geschmacklosigkeit ihrer Überschätzung. Die intellektuelle Plumpheit der sexualistischen Deutung verunmöglicht sogar eine richtige Wertschätzung der Sexualität (…) Vor Freud durfte nichts sexuell sein, jetzt ist alles auf einmal sozusagen „nichts als“ sexuell.“ (Jung, GW 17,100)

 Bei Antigone zum Beispiel, wie in unzähligen anderen Tragödien, bei denen nicht der Inhalt, sondern nur das Zeitalter wechselt, wird immer wieder der Konflikt zwischen Pflicht und der unbezwingbaren Macht der Liebe thematisiert. Liebe zwingt zum Ungehorsam und stellt Loyalitäten in Frage. Liebe entfaltet ungeahnte Kräfte, beflügelt den Geist und regt zu Höchstleistungen an. Eros symbolisiert nicht nur die sinnliche Liebe, sondern auch die Liebe zum Geistigen. Er verlangt nicht nur Freiheit für die Liebe sondern auch die Freiheit sich be-geistern zu dürfen. Es sind die goldenen Flügel, die einen davontragen.

In trockener psychiatrischer Diagnose könnte man dieses Ereignis einfach in den Bereich der „Affektiven Störungen“, ICD10 F30.0 bis F30.2 von „Manie“ – bis „Manie mit psychotischen Symptomen“ einordnen. – Aber wir sollten nicht vergessen, welch großartige Werke in diesem Zustand geschaffen wurden. Man denkt dabei auch unwillkürlich an Csikszentmihálys „Flow“.

In der heutigen Zeit scheint die Allmacht der alten Götter gebrochen zu sein. Wir verlachen sie als Hilfsmittel um unser Schicksal zu bebildern. Wir halten es für absurd, in Dialog mit den archaischen Götterbildern zu treten, dabei wäre das oft sehr hilfreich. „Die Seele ist von Natur aus religiös“, schreibt Aniéla Jaffé in der Einleitung zu Jungs Erinnerungen. Die Abweichung von dieser Grundnatur ist nach C. G. Jung die Ursache vieler Neurosen; besonders im späteren Alter. Dieses Manko ist in unserer Zeit eklatant. Wir glauben, wir könnten alles nach vernünftigen Grundsätzen steuern – und dann stellen wir fest, dass sich vernünftige Menschen ruinieren, wenn sie Amors Pfeil getroffen hat und trotz besseren Wissens ihre gesamte Aufmerksamkeit (nicht selten zum Entsetzen der Angehörigen) auf eine völlig unpassende Person richten und alle Bindungen leugnen. Überkommene gesellschaftliche Normen und Strukturen sind zusammengebrochen. Nicht nur Monarchien, die sich von „Gottes Gnaden“ her legitimierten, sondern auch unsere bürgerliche Gesellschaft ist am Ende. Wir stehen ratlos und leer da, seit der religiöse Rahmen zerbrochen ist. Desorientiert, ohne Werte, ohne gesellschaftlichen Konsens darüber, wie wir uns verhalten müssen, wie wir mit unserem Schicksal umgehen können. Wir haben den großen Gott Eros auf Sexualität (im Mythos seine Tochter Voluptas) reduziert. Wir sind zügellos, aber nicht glücklicher geworden.

Wenn wir beobachten, was sich heute im Internet tut, wenn wir aufhören wegzuschauen und wissen wollen, was unsere Kinder und Enkel dort treiben, werden wir schockiert feststellen: Das haben wir nicht gewollt! Eros? Eine göttliche Macht? Wo ist der Gott der Liebe geblieben? In einer Gesellschaft, in der bereits über 80% der 14- bis 24-jährigen jungen Menschen sexuelle Kontakte über das Internet hergestellt haben, ist Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Die Seelen der Kinder, der jungen Menschen, die glauben mithalten zu müssen, sind trostlos leer. Kinder und Jugendliche reagieren nur noch mit blankem Zynismus. Wir haben „Erotikmessen“ die mit der göttlichen Macht des Eros ungefähr so viel zu tun haben, wie eine holländische Erdbeere, die auf einem mit Nährstoff getränkten Vlies produziert wurde, mit der aromatischen Waldfrucht (sic!). Wir haben so genannte seriöse Nachrichtenorgane, die im Viertelstundentakt, pornographische Inhalte als Nachrichten verkleidet ins Netz stellen. Ein Verweis z.B. nur auf den Medienrummel um den Film „Feuchtgebiete“ oder „Schoßgebete“ dürfte stellvertretend für unzählige ähnliche Machwerke genügen. Religiöse Inhalte, Ekel und Sexualität der untersten Pornoklasse werden gern vermengt und als großer Spaß vermarktet. Was ist daran falsch, wenn es alle machen? Millionen Fliegen können bekanntlich nicht irren.

„Ich bezweifle nicht, daß die Naturtriebe sich im seelischen Gebiete mächtig entfalten, sei es der Eros oder sei es der Machtwille, ich bezweifle aber auch nicht, daß diese Triebe gegen den Geist anstoßen, denn gegen etwas stoßen sie immer an, und warum soll dieses Etwas nicht Geist genannt werden?“ (Jung, GW Bd.4, §776)

Vom echten Eros ist heute keine Rede mehr. Er ist aus dem Bewusstsein verschwunden, zerredet, verkauft, vermarktet. Dabei wird der Liebesgott doch so sehr herbei gesehnt. In jedem Mega-Orgasmus, den man mit dieser oder jener Steigerung der sexuellen Erregung zu erreichen glaubt, erhofft man sich nichts anderes, als die Erfahrung von Entgrenzung und Göttlichkeit. Man weiß sehr wohl, dass man sich dieses Erlebnis nicht kaufen kann, versucht es aber doch immer wieder. Die Werbung dafür ist zu ideenreich und das Geschäft zu lukrativ, um diese Illusion nicht weiter zu nähren versuchen. Es sind Verirrungen, weil man sich innerlich leer fühlt. Leidenschaft findet bestenfalls noch in alten Filmen oder Dramen statt. Aus dem Internet kommen im Minutentakt verlockende Angebote, die Hoffnung wecken, das große Erlebnis könnte sich über die vorgestanzten Liebesanpreisungen einstellen. Der wirkliche Gott verlangt Demut und Hingabe; Eigenschaften, die dem modernen Homo faber bzw. –oeconomicus fremd sind.

Die Vertreibung des ehrwürdigen Gottes Eros hat aber noch andere Folgen: Mit der Entzauberung der Welt (M. Weber) hat sich auch die Schönheit verabschiedet und Hässlichkeit auf allen Gebieten ausgebreitet. Wir haben uns von unserem Begriff von Schönheit, für den die Göttin Aphrodite steht, weit entfernt. Dies bleibt nicht ohne Folgen für unsere innere Befindlichkeit. Das Lob der Schönheit von Ebenmaß und Gesetzmäßigkeiten ist verpönt. Disharmonie ist in der zeitgenössischen Kunst ein Muss. Schönheit und Harmonie sind nicht rein subjektive Werturteile sondern sinnlich erfahrbare Tatsachen, die eine beruhigende und heilende Wirkung entfalten. Der Verbrauch unserer natürlichen Umgebung nach rein nützlichen Erwägungen, die Abscheulichkeit moderner Städtearchitektur, die gleichförmigen „Designer-Wohnungen“, deren Hauptmerkmal fade Farbgebung und Leere ist, erzeugen Stress und Aggression, verderben die Laune und Lust am Leben. Es sind meist politische Ideologien, die alles Erhabene, alles über die Banalität des Alltags hinausgehende, aus dem öffentlichen Erscheinungsbild ausmerzen wollen. Ein Beispiel ist die Kulturrevolution in China, in der unwiederbringliche Kunstwerke zerstört wurden. Politiker haben immer die Definitionsmacht für alles was im öffentlichen Raum als schön oder hässlich zu gelten hat, an sich gerissen. Dies war schon im alten Ägypten so, als die Tempel der thebanischen Götterdreiheit Amun, Mut und Chons durch Pharao Echnaton beseitigt wurden. Stattdessen wurde Aton, der Sonne, als höchstem Gott gehuldigt.

In unserer Zeit sprengten die Taliban uralte Buddha-Figuren und die DDR-Regierung das Berliner Schloss, Die IS-Truppen zerstören antike Tempel und Statuen um jede Erinnerung an die vorherigen Kulturen auszulöschen. Damit wird der Sieg über die vorhergehende Macht mit einer neuen Gewalttat dokumentiert, die bekanntlich – wir kennen dieses Gesetz aus Schillers Wallenstein – „fortzeugend, immer Böses muss gebären.“

Als die Menschen noch mit sich und den Göttern in Harmonie lebten, entstanden die größten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte. Wir sind bis heute noch nicht über die ägyptischen, hellenistischen oder gotischen Tempel- und Kirchenbauten hinausgekommen. Es hilft selbst die gewagteste moderne Architektur nicht, wenn der göttliche Funke fehlt. Sie kann nicht jenen religiösen Schauer in uns erzeugen, den wir beim Betreten einer alten Kathedrale empfinden. Um solche Bauwerke errichten zu können, brauchen wir die Liebe des geflügelten Eros, den Mut zu und die Demut vor einer weit höheren Macht.

„Die viel geschmähten und verdächtigen Ästheten verfügen über eine schreckliche Gabe, die äußere Gestalt einer Sache, eines Vorganges, eines Gedankens enthüllt ihnen mit Sicherheit die innere Wahrheit des Angeschauten.“ (Mosebach)

Was hat das alles mit unserer Anschauung von Erotik in unseren Zeiten zu tun? Wir haben unseren Eros ebenso verloren wie unsere Götter. Wir sind hilflos und orientierungslos unseren Emotionen ausgeliefert und wir glauben, wir könnten durch möglichst häufige, rein physische Triebabfuhr, das Dilemma lösen. Die Folge ist seelische Verrohung. Der Gott der Süchte hält unsere Physis aufrecht. Unsere Verzweiflung bekämpfen wir mit Antidepressiva, unsere Hilflosigkeit ertränken wir in Alkohol – unsere wirklichen Bedürfnisse verleugnen wir.

Es gibt eine Therapeutenregel, für scheinbar aussichtslose Situationen: Man muss den Mut haben, den Patienten so weit in die Verzweiflung zu treiben, bis er selbst eine Lösung anbietet. Ein unbequemer Rat, der nicht gern befolgt wird, weil es sicher irgendwo wieder eine angeblich schmerzfreie Lösung zu kaufen gibt. Man kann die Verzweiflung allerorten erkennen, gerade in Arztpraxen und Kliniken, dennoch machen wir alle wie gewohnt, weiter. All die Freizügigkeit hat ja auch ihre fröhlichen Seiten; – bis das eigene Kind im Alkohol- oder Drogenkoma aufgegriffen, oder mit einer schweren Geschlechtskrankheit konfrontiert wird.

Seit der Zusammenhang von Sexualität und Fortpflanzung entkoppelt wurde, ist die gesamte Wertewelt die den Umgang der Geschlechter miteinander regelte, aus den Fugen geraten. Man kann die Geschlechterspannung nicht durch Gleichmacherei weg diskutieren. Sie bleibt eine Tatsache und hat nichts mit den Emanzipationsbemühungen der Frauenbewegung zu tun. Einerseits wirken in uns noch die Wertvorstellungen des 19. Jahrhunderts. (C. G. Jung: „Die Seele ist konservativ.“) – andererseits leben wir in einer ganz anderen Wirklichkeit. Wir wünschen uns für unsere Töchter einen tüchtigen Mann und für unsere Enkelkinder verlässliche Eltern. Dabei hält heute kaum noch eine Ehe für ein ganzes Leben. Selbst in Kirchen wird das Versprechen „bis zum Tode“ nicht mehr unbedingt abgenommen. Scheidung und Trennung werden einkalkuliert. Die alten Modelle halten nicht mehr – und selbstverständlich ist der Seitensprung eher eine lässliche Sünde. Früher war er ein Sakrileg, das die existentielle Vernichtung zur Folge hatte. Man muss nur bei der Nachbarin muslimischen Glaubens nachfragen.

Sexualität, darin hat Sigmunds Freud Recht behalten, wurde tatsächlich eine Art von Religionsersatz im 20. Jahrhundert. Aber sie ist eben nur der Ersatz und nicht das Original. Wir wünschen uns immer noch das „Mysterium tremendum“ (Rudolf Otto), das Numinose, das mit Ergriffenheit aber auch Ambivalenz, Angst und einem Schauder einhergeht, wenn ein Mensch vom Gott Eros berührt wird. Der Mythos bleibt. Er wird immer wieder mehr oder weniger verschämt in Filmen oder Romanen neu interpretiert werden – und die Leute werden applaudieren, auch wenn sie nicht wissen warum; aber doch etwas ahnen. Der Mythos wird nie ganz erlöschen, denn einen Gott kann man nicht wegdiskutieren. Er gehört zur Menschheit. Es sei denn man vernichtet die Menschheit, die – zumindest im Westen – zu dem verkommen ist, was Max Weber als „Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz“ beschrieben hat. Davor wird uns – so hoffe ich – der goldgeflügelte Gott Eros bewahren, oder – wie Weber vermutet: „…ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale …“.

Eros ist ein Urinstinkt, eine Grundlage des Lebens. Wir sollten nicht leichtfertig damit umgehen. Was immer es ist, ob archaischer Trieb oder numinose Macht – oder Beides: Er bleibt eine „condition humaine“ – genau genommen sogar eine condition biologique – die unseren Respekt verdient. Keine Angelegenheit für Geschäftemacher und Marktschreier. Auch wenn der alte Journalistenspruch „Sex sells!“ stimmt. Sex verkauft sich, weil alle Konsumenten hoffen, etwas über die eigenen Sehnsüchte zu erfahren. Eros ist noch nicht im Bezahlfernsehen angekommen. Seine Kommerzialisierung ist so absurd, wie Atemluft zu verkaufen.

Weil dies so ist, wurde zu allen Zeiten der Verkauf von Lebensgrundlagen als obszön empfunden. Daran können auch mehr als hundert Jahre Sigmund Freud nichts ändern, der diese Entwicklung sicher nicht so gedacht hatte. Er betrachtete seine Lehre ja als die zukünftige Religion. Wenn das so ist, dann sollte man ihr einen Tempel bauen, aber bitte keinen Marktplatz!

Literatur:

 Csikszentmihályi, Mihaly: Optimal experience: studies of flow in consciousness. Cambridge University Press 1988
Goethe, J. W.: Prometheus
Mosebach, Martin:. Die Häresie der Formlosigkeit. S. 24. dtb München 2012
Schiller, Friedrich: Wallenstein. Die Piccolomini, V,1/Octavio Piccolomini)
Weber, Max:. Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, 1. Aufl 1920, Bd. I, S. 204

 

(1) „…Nichts hindert uns anzunehmen, dass gewisse Archetypen schon bei Tieren vorkommen, dass sie mithin in der Eigenart des lebendigen Systems überhaupt begründet und somit schlechthin Lebensausdruck sind, dessen Sosein weiter nicht mehr zu erklären ist. Die Archetypen sind, wie es scheint, nicht nur Einprägungen immer wiederholter typischer Erfahrungen, sondern zugleich auch verhalten sie sich empirisch wie Kräfte oder Tendenzen zur Wiederholung derselben Erfahrungen. Immer nämlich, wenn ein Archetypus im Traum, in der Phantasie oder im Leben erscheint, bringt er einen besonderen „Einfluss“ oder eine Kraft mit sich, vermöge welcher es numinos, resp. faszinierend oder zum Handeln antreibend wirkt.“ (Jung, GW 7, § 109)

(2). „Bedecke deinen Himmel, Zeus, – Mit Wolkendunst! – Und übe, dem Knaben gleich, – Der Disteln köpft, – An Eichen dich und Bergeshöh’n! – Mußt mir meint Erde – Doch lassen steh’n – und meine Hütte – Die du nicht gebaut, – Und meinen Herd, – Um dessen Glut – Du mich beneidest. …“ …

Die problematischen Aspekte der Empathie

Anna Schoch

DGPA-Tagung Neuhardenberg 2012

Die problematischen Aspekte der Empathie

Der Begriff „Empathie“ ist grundsätzlich positiv besetzt.

Paul Ekman, der prominente Emotionsforscher, versteht Empathie als Reaktion auf die Gefühle Anderer. Er unterscheidet kognitive Empathie, die uns erkennen lässt, was ein Anderer fühlt, gegenüber der emotionalen Empathie die die Fähigkeit verleiht, zu fühlen was ein Anderer fühlt.

Theodor Lipps hat schon 1902 „Einfühlung“ als intrapsychischen Prozess bezeichnet und die These von einem „menschlichen Zwang zur motorischen Nachahmung“ entwickelt.

Nach dem Toronto Questionnaire von N. Spreng et al. (J. of Personality Assessment, 91, 2009) ist Empathie eine messbare Schlüsselkompetenz. Es wird unterschieden, nach kognitiver Empathie, die dazu dient, das Verhalten Anderer zu verstehen und vorherzusagen – und emotionaler Empathie, die es ermöglicht, dass wir sowohl mitfühlen, wie auch nachempfinden können. Damit schaffen wir die Basis für gute Beziehungen.

 Selbstverständlich ist Empathie für das Leben in der Gemeinschaft unerlässlich. Sie hilft uns die Qualität unserer Beziehungen einzuschätzen. Entsprechend können wir unseren Umgang gestalten. Alles was wir erleben, erfahren, lernen und beobachten, hat im weitesten Sinn mit Beziehungen zu unseren Mitmenschen, sogar zu den uns umgebenden Tieren zu tun.

Arthur Ciaramicoli unterscheidet zwischen authentischer und funktionaler Empathie, die manipulative, ausbeuterische Zwecke verfolgt. („Der Empathie-Faktor“, 2001, 2001, S. 206). Diesen Punkt halte ich für beachtenswert, trotz aller Wertschätzung für eine empathische Grundhaltung.

Empathie hat eine neurobiologische Entsprechung: Die Spiegelneurone. Nach Joachim Bauer steuern Gene nicht nur unser Verhalten, Gene werden auch durch äußere Einflüsse gesteuert. Dadurch verändern sich neuronale Strukturen. Hier tritt wieder die alte Frage nach dem Anteil von Anlage und Umwelteinflüssen auf. Die Funktion der Gene betrifft zwei Aspekte, wobei der zweite Aspekt mit empathischen Erleben zu tun hat:

  1. Die DNS-Sequenz geht in die Erbfolge – gewissermaßen als Text – ein und ist somit fest gelegt.
  2. Die Gene regulieren die Genaktivität für alle gesunden Körperfunktionen. Dabei regulieren die situatitiven (!) Einflüsse ihre Grundaktivität. In diesem Fall ist Vererbung nicht so wichtig. Bestimmte, genetisch programmierte Reaktionsmuster können durch positive oder negative Erlebnisse verändert werden. Solche Auswirkungen ergeben sich aus fördernden oder belastenden Beziehungen. Dies würde bedeuten, dass Emotionen, die aus und durch Beziehungen entstehen, biologische Signale geben, aus denen neuronale Veränderungen im Cortex entstehen. Somit ließe sich das Gehirn auch als „soziale Konstruktion“ begründen (Leon Eisenberg). Dies bedeutet, dass wir durch die Gestaltung unserer Beziehungen entscheidend daran mitwirken, was sich biologisch in uns und bei unseren Mitmenschen abspielt. Denn diese Wechselwirkungen beruhen auf empathischem Miterleben.

Giacomo Rizzolatti und seine Arbeitsgruppe aus Parma haben vor gut 20 Jahren die Spiegel-Neurone (mirror-neurons) entdeckt (Bauer). Über die Spiegel-Neurone kann man sich das, was man bei anderen Menschen beobachtet so (hin-)einprägen, dass wir das Beobachtete in uns selbst fühlen.

Man denke an eine Mutter, die zusehen muss, wie sich ihr Kind verletzt. Sie wird den Schmerz bei sich an derselben Stelle spüren. In der Interaktion kann sich das Malheur auf diese Weise sogar aufschaukeln, denn die Mutter könnte die Verletzung des Kindes mit ihren eigenen Ängsten derart verschränken, dass sie das Unglück weit stärker in sich fühlt, als es angemessen wäre.

Die emotionalen Ansteckung kann man aber auch in anderen Situationen gut beobachten: Eine fröhliche Runde kann durch einen übel gelaunten Dritten sofort gesprengt werden. Die Stimmung schlägt radikal um.

Dazu fällt mir ein weit zurückliegendes Erlebnis ein, das ich mir längere Zeit nicht erklären konnte:

Eines Abends, als ich mit dem Auto auf dem Heimweg war, wurde ich Zeuge eines schweren Verkehrsunfalls. Die Rettungskräfte waren schon zur Stelle. Ich fuhr vorbei und versuchte von dem schrecklichen Geschehen möglichst wenig Notiz zu nehmen. Am folgenden Morgen fuhr ich wieder in die Stadt und musste mit ansehen, wie auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Auto in einen, mit überstehenden Stahlbändern beladenen, Lastwagen gefahren war. Die Polizei war bereits vor Ort. Der verunglückte Fahrer wurde, so stand es zwei Tage später in der Zeitung, buchstäblich geköpft. – Auch diesen Vorfall glaubte ich – so gut es ging – ausgeblendet zu haben. Aufgrund meiner Kurzsichtigkeit verließ ich mich darauf, alles nur ganz vage wahrgenommen zu haben. Es waren ja nur ein paar Sekunden und schon war ich vorbei. – Ich fuhr also, scheinbar ungerührt, weiter in die Stadt und erledigte meine Besorgungen.

Plötzlich überfiel mich auf der Haupteinkaufsstraße eine seltsame Schwäche. Ich hatte das Bedürfnis mich hinzulegen und wusste, dass ich es mit dem Auto nicht mehr bis zu meiner Wohnung am Stadtrand schaffen würde. Zum Glück war aber mein Elternhaus ganz nah. Inzwischen wurde ich von einem heftigen Schüttelfrost gepackt. Innerhalb kürzester Zeit bekam ich 41,5° Fieber. Dann folgte ein starker Schweißausbruch. Meine Kleider waren völlig durchnässt. Nach etwa drei Stunden war der Spuk vorbei. Ich fühlte mich erschöpft, aber wieder normal.

Der Zusammenhang mit den beiden tödlichen Unfällen wurde mir erst viel später bewusst.

Schon Immanuel Kant (1724 – 1804) hat auf den möglichen Missbrauch von Empathie durch Politiker in einer Volksherrschaft hingewiesen. Wolf Schneider (Journalist und Sprachkritiker *1923) hat Zitate veröffentlicht, die zeigen, dass das Nachempfinden der Gedanken- und Gefühlswelt der Menschen durch Politiker oder Massenmedien wirksam für Manipulation eingesetzt wird. Man denke nur an Goebbels, Churchill, oder die berühmten Redner der Antike.

Massenmedien leben vom Geschäft mit Gefühlen. Film und Schauspiel setzen auf unsere Empathie. Sie verwenden nicht nur Worte: Bilder erzeugen Emotionen noch weit nachdrücklicher, insbesondere, wenn sie mit passender Musik dramaturgisch verstärkt werden. Starke Gefühle hinterlassen einen Ein-druck in unserem neuronalen System. Dabei spüren wir bei der täglichen Reizüberflutung, der wir uns kaum erwehren können, vieles gar nicht mehr bewusst. Das bedeutet, dass der emotionale Reiz gesteigert werden muss, um bewusst wahrgenommen zu werden. Dies kann zu einer regelrechten Traumatisierung führen; zu Ängsten, die in Alpträumen und Erschöpfung ihren Ausdruck suchen, da die unzähligen Grausamkeiten aus aller Welt, deren Bilder täglich auf uns eindrängen, anders nicht mehr zu bewältigen sind. Unsere Empathie können wir nicht einfach abstellen. Unsere Nervenzellen spiegeln automatisch das, was sie sehen und verwandeln es in Emotionen – und wenn wir diese nicht wahrnehmen wollen – in körperliche Symptome.

Es sind aber nicht nur Medien, die uns beeindrucken und verändern. Noch stärker werden wir davon beeinflusst, wie sich die Beziehungen zur Umgebung (Partnern, Familie, Kollegen usw.) gestalten. Großvaters Spruch: „Sag mir, wer deine Freunde sind, und ich sage dir, wer Du bist“ ist heute zwar „politically“ nicht ganz korrekt, aber nach wie vor gültig.

In unserer christlichen Überlieferung wird das hohe Gut „Mitgefühl“ anschaulich durch die Legende des Heiligen Martin geschildert. Er teilt seinen Mantel mit dem Bettler. Was aber hätte der Heilige getan, wenn ihm noch zehn weitere Bedürftige begegnet wären? Hätte er sich – wie im Märchen „Sterntaler“ – bis aufs Hemd ausgezogen und wäre lieber am Ende selbst erfroren?

Es ist nicht immer ratsam, zuviel Empathie zu zuzulassen. Angesichts des übermächtigen Elends könnte dies zur Bedrohung der eigenen Existenz führen. Auf diese Weise kann man nichts Vernünftiges bewirken. Wenn ein Nichtschwimmer dem Ertrinkenden nach springt und mit ihm untergeht, so verdoppelt er damit nur das Unglück – aber er war empathisch.

Ich habe in meiner Praxis einmal einen seltsamen Fall erlebt: Eine junge Frau um die Dreißig kommt resigniert zum Gespräch. Sie schildert, dass sie bereits eine tiefenpsychologische Behandlung, sowie Gesprächs- und Verhaltenstherapie hinter sich hätte. Nichts könne ihr helfen. Sie leide an Schlaflosigkeit und Depressionen, die sie von produktiver Arbeit abhielten. Sie hatte zwar ihr Studium einigermaßen zu Ende gebracht, konnte damit aber wenig anfangen.

Auf die Frage, ob es ihr denn immer so schlecht gegangen sei, antwortete sie, dass sie bis zum 18. Lebensjahr ausgesprochen fröhlich und lebhaft und war. Dann hätte sich ihre Gefühlslage ins Gegenteil verkehrt. Ich fragte, was damals geschehen sei. Sie konnte sich an nichts erinnern. Ich fragte nach Liebesbeziehungen, Kränkungen, schulischem Scheitern, nach Familienstreit usw. Sie verneinte. Ich ließ nicht locker. Schließlich fiel ihr ein, dass in etwa zu diesem Zeitpunkt ihr Vater mit der Diagnose „Prostata-Karzinom“ konfrontiert worden war. Die Krankheit wurde jedoch in einem frühen Stadium entdeckt und konnte erfolgreich behandelt werden. Der Vater lebte noch. Sie aber hatte dieses Ereignis völlig vergessen. – Nach einer kurzen Aufstellungs- bzw. Gestaltübung mit der Gegenüberstellung eines Stellvertreters für ihren Vater (in diesem Fall war es eine Bürokraft, die gerade zur Verfügung stand und nichts von der Problematik wusste), ließ ich sie zu ihrem imaginären Vater sagen: „Lieber Vater, lieber ich als Du!“ (Dieser „Lösungssatz“ stammt von Bert Hellinger). Die Stellvertreter-Person reagierte erschüttert. Sie umarmte die „Tochter“ und sagte spontan: „Aber das will ich doch gar nicht! Ich will, dass es dir gut geht und dass du frei deinen eigenen Weg wählst.“ – Es gab dann noch heftige Tränen und viele Umarmungen und danach eine erschöpfte Klientin, die sich sichtlich erleichtert, freudestrahlend verabschiedete.

Sie rief mich später mehrmals und bedankte sich für die Intervention, die ihr Leben völlig neu geordnet habe. Sie begann schließlich mit einer beruflichen Tätigkeit, die sie interessant fand und ihr eine gute Perspektive eröffnete. Das Verhältnis zum Vater ist nach wie vor liebevoll, aber distanzierter, worüber beide glücklich sind.

Auch in diesem Fall wurde die junge Frau Opfer ihrer Empathie. Dazu kam noch eine Art von Aberglauben: Sie hatte ständig Angst, wenn sie fröhlich wäre, könnte eine Unglücksmeldung alles zunichte machen. Die Bestürzung des Vaters, dass seine damalige Erkrankung mit der Depression seiner Tochter zu tun hatte, wurde so authentisch vermittelt, dass sie das unmittelbare Gefühl von Befreiung erleben konnte. Man kann davon ausgehen, dass der wirkliche Vater genauso reagiert hätte, wie seine Stellvertreterin.

Oscar Wilde soll einmal bemerkt haben, dass man die Gedanken anderer Menschen erraten könne, wenn man ihre Mimik nachahmt. Das kennt jeder Schauspieler. Ohne die entsprechende Mimik könnte er niemals überzeugend in seine Rolle schlüpfen. Auch der Text verfließt leichter mit der entsprechenden Haltung und Gestik. So wird alles authentisch und glaubwürdig. – In diesem Zusammenhang ist der amerikanische Rat des „keep smiling!“ nicht ganz falsch, denn ein Lächeln im Gesicht ist mit Traurigkeit nicht vereinbar.

Noch zu Zeiten unserer Großeltern galt es als unhöfliches, schlechtes Benehmen, negative Gefühle oder Launen zu zeigen. Heute scheint es eher umgekehrt. – Wenn man in Modezeitschriften Reklamebilder teurer Marken betrachtet, könnte man denken, es sei wünschenswert – um es neudeutsch auszudrücken: besonders cool – ein möglichst unfrohes, blasiertes Gesicht zu machen. Auch diese (Mode-)Vorbilder haben Wirkung auf unsere Gefühlslage. (Siehe Lipps „Zwang zur Nachahmung“). Selbst über die Mimik schlüpfen wir möglicherweise in eine aufgepfropfte – in diesem Fall unfrohe – Gefühlslage.

Die „emotionale Empathie“ wird über Spiegelneurone gesteuert. Ein Handlungsimpuls wird aktiviert noch bevor eine kognitive (funktionale) Einschätzung der Situation möglich war. Dies führt zu den oft verfluchten Spontanhandlungen. Manchmal führen sie zu einem guten Ergebnis – meistens ist es jedoch klüger, wenn man (wie es unserer Kanzlerin nachgesagt wird) „vom Ende her“ denkt.

Solche Handlungsimpulse finden sich häufig in Konfliktlagen: Man möchte ja dem sympathischen Vertreter glauben, dass er die Anzahlung für die Ausstellung der Versicherungspolice braucht, weil sonst die angeblich so günstigen Bedingungen auslaufen. (Das Kleingedruckte kann man angesichts der Eile nicht mehr lesen.) Das Bauchgefühl aber warnt. Der Körper nimmt die Gefahrenlage zwar auf, aber sie dringt nicht bis zum Bewusstsein vor. Soll, kann man den netten jungen Mann einfach nach Hause schicken? Er hat sich doch so bemüht. Man möchte handeln und ignoriert den Körper – oft so lange, bis er rebelliert. Empathie ist der häufigste Grund dafür, dass man nicht Nein sagen kann, obwohl es angebracht wäre.

Viele Menschen beherrschen diese emotionale Erpressungstechnik meisterhaft. Es sind nicht nur die berüchtigten Betrüger, die eine akribisch ausgespähte ältere Frau mit der Geschichte vom unbekannten Enkel in Geldnot um ihre letzten Ersparnisse bringen, es ist auch die Mutter, die sich ständig in das Leben ihrer Kinder einmischt und glaubt darin nach wie vor die Hauptrolle einnehmen zu müssen. Dazu zählt auch die berüchtigte Schwiegermutter. Es handelt sich in solchen Fällen immer um einen Konflikt, denn man spürt ja ihre emotionale Bedürftigkeit. Andererseits werden aber die Kinder auch wütend, denn sie erahnen die Instrumentalisierung. Es wird ihnen eine Aufgabe zugemutet, die von der Mutter selbst zu bewältigen ist. (Die Mutter soll hier nur Klischee benutzt werden. Die Ausbeutung von Empathie findet auf allen Beziehungsebenen statt.)

Umgekehrt aber trifft dies ebenso Kinder, die ihre Eltern bis ins hohe Erwachsenenalter zur Kasse bitten und nicht daran denken, die Unannehmlichkeiten einer geregelten Arbeit auf sich zu nehmen. Auf beiden Seiten wird Empathie rücksichtslos (un-empathisch) missbraucht und benutzt. Eine permanente Vorwurfshaltung schadet beiden Seiten: den Ausbeutern, die auf diese Weise nie die Freude an ihrer eigenen Leistung erfahren und den Ausgebeuteten, die nie dazu kommen, die Früchte ihrer eigenen Arbeit zu genießen.

Wenn wir nun also durch Spiegelneurone mehr oder weniger unwillkürlich auf unsere Umwelt bezogen reagieren (müssen), so bedeutet dies, dass wir den Umwelteinflüssen, ob sie nun in feindlicher oder freundlicher Absicht auf uns einwirken, fast hilflos ausgesetzt sind, da Nervenzellen zunächst nur reagieren, ohne im Einzelnen eine moralische Entscheidung zu treffen. Dies geschieht erst auf einer höheren Organisationsebene.

Politiker, Unternehmer, Religionsstifter, alle Personen in leitenden Positionen und nicht zuletzt die zahlreichen Hilfsorganisationen brauchen ein erhebliches Maß an funktionaler empathischer Kompetenz, wenn sie ihre Ziele durchsetzen wollen. Sollten sich diese Ziele aber zu unserem Nachteil entwickeln, so verkehrt sich unser empathisches Mitgehen in Wut und Hass – weil wir sehr wohl spüren, dass unsere Gefühle missbraucht wurden. Dies ist der Stoff für Tragödien. Wenn aufrichtige Gefühle für unlautere Zwecke missbraucht werden, setzt dies ungeheure emotionale Kräfte frei, die tödliche Rache verlangen.

So positiv der Begriff Empathie besetzt ist, so eindeutig Empathie mit unserem christlichen Selbstverständnis verbunden bleibt, so gefährlich kann sie uns werden. Gerade weil wir fortwährend Spiegelungsvorgängen ausgesetzt sind, lassen wir uns auch so leicht manipulieren.

Aber: Wir selbst manipulieren auch! Das sollten wir fairer weise bedenken.

Literatur:

Bauer, Joachim: Das Gedächtnis des Körpers, 3. Aufl., Piper Tb. München, 2005
Bauer, Joachim: Warum Ich fühle was Du fühlst. Hoffmann und Campe. Hamburg. 1. Aufl. 2005
Ekman, Paul: Gefühle lesen. Spectrum. Akad. Verlag. 2004
Eisenberg, Leon, Harvard Medical School: The social construction of the Human Brain. Americ. Journal of Psychiatry 152:1563-1575. 1995).

Eros & Sexus

Vortrag gehalten bei der Jahrestagung der DGPA Wien 24. – 27. Oktober 2013 „Sexus und Eros“

Eros – in unseren Zeiten?

Eine Polemik

Die Götter der griechischen Mythologie sind eigentlich Personifikationen von Motiven bzw. Energien oder Kräften die in uns wirken. Dieses Prinzip würde C. G. Jung wohl Archetypen [1] nennen. Jeder Gott steht für eine wichtige oder schicksalhaft erlebte Lebenssituation, mit der wir uns alle irgendwann einmal auseinandersetzen müssen. (Parallelen zum Heiligenhimmel sind unübersehbar.) Heroen sind die sterblichen Untertanen dieser Götter. Ihr jeweiliger Mythos gibt uns Kunde davon, welche Folgen Widerstand gegen ihren Willen oder ihre Launen hat. Ein anschauliches Beispiel bietet Goethe im Gedicht „Prometheus“. Es handelt von der mythischen Zeit, in der Heroen noch persönlich mit ihren Göttern verkehrten; ganz ähnlich wie im Alten Testament. C.G. Jung beschreibt in seinem Buch „Antwort auf Hiob“ diesen launischen Gott, der den archaischen Göttern ähnelt,  und erst durch die Emanation von Jesus eine Weiterentwicklung erfährt.

Hesiod, der etwa um 700 v. Chr. als Dichter und Philosoph in Alexandria lehrte, versuchte erstmals einen Stammbaum der griechischen Götter zu erstellen. Darauf bauten die späteren Geschichtsschreiber und Dichter auf. Aus dem Chaos entsteht die erste Göttergeneration: Gaia/Erde, Tartaros/Unterwelt, Eros/Liebe, Erebos/Finsternis und Nyx/Nacht. Eros, die Liebe ist also einer der ersten und damit bedeutungsvollsten Götter.

In der Komödie „Die Vögel“ von Aristophanes (414 v.Chr.) schlüpft Eros aus einem Ei, das die schwarzgeflügelte Nacht gelegt hat. Eros hat aber goldene Flügel und zeugt mit Chaos das Geschlecht der Vögel. Die Flügel verweisen auf die geistige Dimension der Liebe. (Vielleicht sind auch die vulgär-erotische Anspielungen aus diesem Bild entstanden)

Sophokles thematisiert in der Tragödie „Antigone“ den Konflikt zwischen erotischem Begehren und Loyalitätspflichten. Eros veranlasst Haimon, den Sohn des Kreon, sich gegen Antigones Hinrichtung aufzulehnen. Eros wird in dieser Dichtung als „unbesiegt im Kampf“ angesprochen. Damit wird die Überzeugung ausgedrückt, dass der Mensch der Macht des Eros vollkommen ausgeliefert ist.

Auf diese Genealogie müssen wir uns besinnen, wenn wir die aktuellen Aspekte des Eros-Begriffes betrachten wollen. Von Voluptas, der Tochter von Amor und Psyche war zunächst noch keine Rede im Mythos. Die Begierde und die mit ihr verbundene Hoffnung auf Wollust stammen aus einer sehr viel späteren erweiterten Göttererzählung. Heute scheint vom göttlichen Flügelschlag nichts mehr vorhanden zu sein. Wohin hat sich unser Verständnis von Eros entwickelt?

„Die lächerliche und beinahe krankhafte Übertreibung des sexuellen Gesichtspunktes ist an sich ein Symptom einer zeitgenössischen geistigen Störung, die hauptsächlich auf der Tatsache beruht, dass unsere Zeit kein richtiges Verständnis der Sexualität besitzt (…) In Wirklichkeit könnte keine moralische Verurteilung die Sexualität so verhasst machen, wie die Obszönität und die verblendete Geschmacklosigkeit ihrer Überschätzung. Die intellektuelle Plumpheit der sexualistischen Deutung verunmöglicht sogar eine richtige Wertschätzung der Sexualität (…) Vor Freud durfte nichts sexuell sein, jetzt ist alles auf einmal sozusagen „nichts als“ sexuell.“ (Jung, GW 17,100)

Bei Antigone zum Beispiel, wie in unzähligen anderen Tragödien, bei denen nicht der Inhalt, sondern nur das Zeitalter wechselt, wird immer wieder der Konflikt zwischen Pflicht und der unbezwingbaren Macht der Liebe thematisiert. Liebe zwingt zum Ungehorsam und stellt Loyalitäten in Frage. Liebe entfaltet ungeahnte Kräfte, beflügelt den Geist und regt zu Höchstleistungen an. Eros symbolisiert nicht nur die sinnliche Liebe, sondern auch die Liebe zum Geistigen. Er verlangt nicht nur Freiheit für die Liebe sondern auch die Freiheit sich be-geistern zu dürfen. Es sind die goldenen Flügel, die einen davontragen.

In trockener psychiatrischer Diagnose könnte man dieses Ereignis einfach in den Bereich der „Affektiven Störungen“, ICD10 F30.0 bis F30.2 von „Manie“ – bis „Manie mit psychotischen Symptomen“ einordnen. – Aber wir sollten nicht vergessen, welch großartige Werke in diesem Zustand geschaffen wurden. Man denkt dabei auch unwillkürlich an Csikszentmihálys „Flow“.

In der heutigen Zeit scheint die Allmacht der alten Götter gebrochen zu sein. Wir verlachen sie als Hilfsmittel um unser Schicksal zu bebildern. Wir halten es für absurd, in Dialog mit den archaischen Götterbildern zu treten, dabei wäre das oft sehr hilfreich. „Die Seele ist von Natur aus religiös“, schreibt Aniéla Jaffé in der Einleitung zu Jungs Erinnerungen. Die Abweichung von dieser Grundnatur ist nach C. G. Jung die Ursache vieler Neurosen; besonders im späteren Alter. Dieses Manko ist in unserer Zeit besonders eklatant. Wir glauben, wir könnten alles nach vernünftigen Grundsätzen steuern – und dann stellen wir fest, dass sich vernünftige Menschen ruinieren, wenn sie Amors Pfeil getroffen hat und trotz besseren Wissens ihre gesamte Aufmerksamkeit (nicht selten zum Entsetzen der Angehörigen) auf eine völlig unpassende Person richten und alle Bindungen leugnen. Überkommene gesellschaftliche Normen und Strukturen sind zusammengebrochen. Nicht nur Monarchien, die sich von „Gottes Gnaden“ her legitimierten, sondern auch unsere bürgerliche Gesellschaft ist am Ende. Wir stehen ratlos und leer da, seit der religiöse Rahmen zerbrochen ist. Desorientiert, ohne Werte, ohne gesellschaftlichen Konsens darüber, wie wir uns verhalten müssen, wie wir mit unserem Schicksal umgehen können. Wir haben den großen Gott Eros auf Sexualität und (im Mythos seine Tochter) Voluptas reduziert. Wir sind zügellos, aber nicht glücklicher geworden.

Wenn wir beobachten, was sich heute im Internet tut, wenn wir aufhören wegzuschauen und wissen wollen, was unsere Kinder und Enkel dort treiben, werden wir schockiert feststellen: Das haben wir nicht gewollt! Eros? Eine göttliche Macht? Wo ist der Gott der Liebe geblieben? In einer Gesellschaft, in der bereits über 80% der 14- bis 24-jährigen jungen Menschen sexuelle Kontakte über das Internet hergestellt haben, ist Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Die Seelen der Kinder, der jungen Menschen, die glauben mithalten zu müssen, sind trostlos leer. Kinder und Jugendliche reagieren nur noch mit blankem Zynismus. Wir haben „Erotikmessen“ die mit der göttlichen Macht des Eros ungefähr so viel zu tun haben, wie eine holländische Erdbeere, die auf einem mit Nährstoff getränkten Vlies produziert wurde, mit der aromatischen Waldfrucht (sic!). Wir haben so genannte seriöse Nachrichtenorgane, die im Viertelstundentakt, pornographische Inhalte als Nachrichten verkleidet ins Netz stellen. Ich verweise z.B. nur auf den Medienrummel um den Film „Feuchtgebiete“ oder „Schoßgebete“. Religiöse Inhalte, Ekel und Sexualität der untersten Pornoklasse werden gern vermengt und als großer Spaß vermarktet. Was ist daran falsch, wenn es alle machen? Millionen Fliegen können bekanntlich nicht irren.

„Ich bezweifle nicht, daß die Naturtriebe sich im seelischen Gebiete mächtig entfalten, sei es der Eros oder sei es der Machtwille, ich bezweifle aber auch nicht, daß diese Triebe gegen den Geist anstoßen, denn gegen etwas stoßen sie immer an, und warum soll dieses Etwas nicht Geist genannt werden?“ (Jung, GW Bd.4, §776)

Vom echten Eros ist heute keine Rede mehr. Er ist aus dem Bewusstsein verschwunden, zerredet, verkauft, vermarktet. Dabei wird der Liebesgott doch so sehr herbei gesehnt. In jedem Mega-Orgasmus, den man mit dieser oder jener Steigerung der sexuellen Erregung zu erreichen glaubt, erhofft man sich nichts anderes, als die Erfahrung von Entgrenzung und Göttlichkeit. Man weiß sehr wohl, dass man sich dieses Erlebnis nicht kaufen kann, versucht es aber doch immer wieder. Die Werbung dafür ist zu ideenreich und das Geschäft zu lukrativ. Es sind Verirrungen, weil man sich innerlich leer fühlt. Leidenschaft findet bestenfalls noch in alten Filmen oder Dramen statt. Aus dem Internet kommen im Minutentakt verlockende Angebote, die Hoffnung wecken, das große Erlebnis könnte sich über die vorgestanzten Liebesanpreisungen einstellen. Der wirkliche Gott verlangt Demut und Hingabe; Eigenschaften, die dem modernen Homo faber bzw. –oeconomicus fremd sind.

Die Vertreibung des ehrwürdigen Gottes Eros hat aber noch andere Folgen: Mit der Entzauberung der Welt (M. Weber) hat sich auch die Schönheit verabschiedet und Hässlichkeit auf allen Gebieten ausgebreitet. Wir haben uns von unserem Begriff von Schönheit, für den die Göttin Aphrodite steht, weit entfernt. Dies bleibt nicht ohne Folgen für unsere innere Befindlichkeit. Das Lob der Schönheit von Ebenmaß und Gesetzmäßigkeiten ist verpönt. Disharmonie ist in der zeitgenössischen Kunst ein Muss. Schönheit und Harmonie sind nicht rein subjektive Werturteile sondern sinnlich erfahrbare Tatsachen, die eine beruhigende und heilende Wirkung entfalten. Der Verbrauch unserer natürlichen Umgebung nach rein nützlichen Erwägungen, die Abscheulichkeit moderner Städtearchitektur, die gleichförmigen „Designer-Wohnungen“, deren Hauptmerkmal fade Farbgebung und Leere ist, erzeugen Stress und Aggression, verderben die Laune und Lust am Leben. Es sind meist politische Ideologien, die alles Erhabene, alles über die Banalität des Alltags hinausgehende, aus dem öffentlichen Erscheinungsbild ausmerzen wollen. Ein Beispiel ist die Kulturrevolution in China, in der unwiederbringliche Kunstwerke zerstört wurden. Machtpolitiker haben immer die Definitionsmacht für alles was im öffentlichen Raum als schön oder hässlich zu gelten hat, an sich gerissen. Dies war schon im alten Ägypten so, als die Tempel der thebanischen Götterdreiheit Amun, Mut und Chons durch Pharao Echnaton beseitigt wurden. Stattdessen wurde Aton, der Sonne, gehuldigt. In unserer Zeit sprengten die Taliban uralte Buddha-Figuren und die DDR-Regierung das Berliner Schloss. Damit wurde der Sieg über die vorhergehende Macht mit einer neuen Gewalttat dokumentiert, die bekanntlich  – wir kennen dieses Gesetz aus Schillers Wallenstein – sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.“

Als die Menschen noch mit sich und den Göttern in Harmonie lebten, entstanden die größten Kunstwerke der Menschheitsgeschichte. Wir sind bis heute noch nicht über die ägyptischen, hellenistischen oder gotischen Kirchenbauten hinausgekommen. Es hilft selbst die gewagteste moderne Architektur nicht, wenn der göttliche Funke fehlt. Sie kann nicht jenen religiösen Schauer in uns erzeugen, den wir beim Betreten einer alten Kathedrale empfinden. Um solche Bauwerke errichten zu können, brauchen wir die Liebe des geflügelten Eros, den Mut zu und die Demut vor einer weit höheren Macht.

„Die viel geschmähten und verdächtigen Ästheten verfügen über eine schreckliche Gabe, die äußere Gestalt einer Sache, eines Vorganges, eines Gedankens enthüllt ihnen mit Sicherheit die innere Wahrheit des Angeschauten.“ (Mosebach)

Was hat das alles mit unserer Anschauung von Erotik in unseren Zeiten zu tun? Wir haben unseren Eros ebenso verloren wie unsere Götter. Wir sind hilflos und orientierungslos unseren Emotionen ausgeliefert und wir glauben, wir könnten durch möglichst häufige, rein physische Triebabfuhr, das Dilemma lösen. Die Folge ist seelische Verrohung. Der Gott der Süchte hält unsere Physis aufrecht. Unsere Verzweiflung bekämpfen wir mit Antidepressiva, unsere Hilflosigkeit ertränken wir in Alkohol – unsere wirklichen Bedürfnisse verleugnen wir.

Es gibt eine Therapeutenregel, für scheinbar aussichtslose Situationen: Man muss den Mut haben, den Patienten so weit in die Verzweiflung zu treiben, bis er selbst eine Lösung anbietet. Ein unbequemer Rat, der nicht gern befolgt wird, weil es sicher irgendwo wieder eine angeblich schmerzfreie Lösung zu kaufen gibt. Man kann die Verzweiflung allerorten erkennen, gerade in Arztpraxen und Kliniken, dennoch machen wir alle wie gewohnt, weiter. All die Freizügigkeit hat ja auch ihre fröhlichen Seiten; – bis das eigene Kind im Alkohol- oder Drogenkoma aufgegriffen, oder mit einer schweren Geschlechtskrankheit konfrontiert wird und Vieles mehr.

Seit der Zusammenhang von Sexualität und Fortpflanzung entkoppelt wurde, ist die gesamte Wertewelt die den Umgang der Geschlechter miteinander regelte, aus den Fugen geraten. Man kann die Geschlechterspannung nicht durch Gleichmacherei weg diskutieren. Sie bleibt eine Tatsache und hat nichts mit den Emanzipationsbemühungen der Frauenbewegung zu tun. Einerseits wirken in uns noch die Wertvorstellungen des 19. Jahrhunderts. (C. G. Jung: „Die Seele ist konservativ.“) – andererseits leben wir in einer ganz anderen Wirklichkeit. Wir wünschen uns für unsere Töchter einen tüchtigen Mann und für unsere Enkelkinder verlässliche Eltern. Dabei hält heute kaum noch eine Ehe für ein ganzes Leben. Selbst in Kirchen wird das Versprechen „bis zum Tode“ nicht mehr unbedingt abgenommen. Scheidung und Trennung werden einkalkuliert. Die alten Modelle halten nicht mehr – und selbstverständlich ist der Seitensprung, sofern er wirklich von Eros angestiftet wurde, eher eine lässliche Sünde. Früher war er ein Sakrileg, das die existentielle Vernichtung zur Folge hatte. Man muss nur bei der Nachbarin muslimischen Glaubens nachfragen.

Sexualität, darin hat Sigmunds Freud Recht behalten, wurde tatsächlich eine Art von Religionsersatz im 20. Jahrhundert. Aber sie ist eben nur der Ersatz und nicht das Original. Wir wünschen uns immer noch das „Mysterium tremendum“ (Rudolf Otto), das Numinose, das mit Ergriffenheit aber auch Ambivalenz, Angst und einem Schauder einhergeht, wenn ein Mensch vom Gott Eros berührt wird. Der Mythos bleibt. Er wird immer wieder mehr oder weniger verschämt in Filmen oder Romanen neu interpretiert werden – und die Leute werden applaudieren, auch wenn sie nicht wissen warum; aber doch etwas ahnen. Der Mythos wird nie ganz erlöschen, denn einen Gott kann man nicht wegdiskutieren. Er gehört zur Menschheit. Es sei denn man vernichtet die Menschheit, die – zumindest im Westen – zu dem verkommen ist, was Max Weber als „Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz“ beschrieben hat. Davor wird uns – so hoffe ich – der goldgeflügelte Gott Eros bewahren, oder es „… werden andere Völker auferstehen, die noch einen Gott in sich tragen“.

Eros ist ein Urinstinkt, eine Grundlage des Lebens. Wir sollten nicht leichtfertig damit umgehen. Was immer es ist, ob archaischer Trieb oder numinose Macht – oder Beides: Er ist und bleibt eine „condition humaine“ – genau genommen sogar eine condition biologique – die unseren Respekt verdient. Keine Angelegenheit für Geschäftemacher und Marktschreier. Auch wenn der alte Journalistenspruch „Sex sells!“ stimmt. Sex verkauft sich, weil alle Konsumenten hoffen, etwas über die eigenen Sehnsüchte zu erfahren. Eros ist noch nicht im Bezahlfernsehen angekommen. Seine Kommerzialisierung ist so absurd, wie Atemluft zu verkaufen.

Weil es so ist, wurde zu allen Zeiten der Verkauf von Lebensgrundlagen als obszön empfunden. Daran können auch mehr als hundert Jahre Sigmund Freud nichts ändern, der diese Entwicklung sicher nicht so gedacht hatte. Er betrachtete seine Lehre ja als die zukünftige Religion. Wenn das so ist, dann sollte man ihr einen Tempel bauen, aber bitte keinen Marktplatz!

Literatur:

Csikszentmihályi, Mihaly: Optimal experience: studies of flow in consciousness. Cambridge University Press 1988

Goethe, J. W.: Prometheus

Mosebach, Martin:. Die Häresie der Formlosigkeit. S. 24. dtb München 2012

Schiller, Friedrich: Wallenstein. Die Piccolomini, V,1/Octavio Piccolomini)

Weber, Max:. Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. I, S.

[1] „…Nichts hindert uns anzunehmen, dass gewisse Archetypen schon bei Tieren vorkommen, dass sie mithin in der Eigenart des lebendigen Systems überhaupt begründet und somit schlechthin Lebensausdruck sind, dessen Sosein weiter nicht mehr zu erklären ist. Die Archetypen sind, wie es scheint, nicht nur Einprägungen immer wiederholter typischer Erfahrungen, sondern zugleich auch verhalten sie sich empirisch wie Kräfte oder Tendenzen zur Wiederholung derselben Erfahrungen. Immer nämlich, wenn ein Archetypus im Traum, in der Phantasie oder im Leben erscheint, bringt er einen besonderen „Einfluss“ oder eine Kraft mit sich, vermöge welcher es numinos, resp. faszinierend oder zum Handeln antreibend wirkt.“ (Jung, GW 7, § 109)

2. „Bedecke deinen Himmel, Zeus, – Mit Wolkendunst! – Und übe, dem Knaben gleich, – Der Disteln köpft, – An Eichen dich und Bergeshöh’n! – Mußt mir meint Erde – Doch lassen steh’n – und meine Hütte – Die du nicht gebaut, – Und meinen Herd, – Um dessen Glut – Du mich beneidest. …“ …

Symbole und Traum

Zusammenfassung:

Vor dem Hintergrund der Traumtheorie C. G. Jungs werden Initialträume und eine Traumserie mit prognostischem Inhalt besprochen.

Die jeweiligen Symbole, deren Sinn erst post festum richtig gedeutet werden konnten, werfen die Frage auf, ob bestimmte Träume die Zukunft konstellieren.

Sigmund Freud kommt das unschätzbare Verdienst zu, Träume als Forschungsgegen-stand in die Wissenschaft eingeführt zu haben. Bei seinem jüngeren Kollegen Carl Gustav Jung rief er damit zunächst Begeisterung hervor, später jedoch kam es wegen des zu engen theoretischen Konzepts zum Bruch mit Freud. Jung bestand darauf, dass das Unbewusste nicht nur aus individueller Erfahrung sondern auch aus kollektiven Inhalten, die dem Menschen à priori mitgegeben sind, besteht. Aus dieser Sphäre des sowohl individuellen wie auch kollektiven Unbewussten stammen die Träume und ihre Symbole.

Das kollektive Unbewusste umfasst mehr „Wissen“ als nur persönlich erworbene Erfahrungen. Menschen weisen zu verschiedensten Zeiten und in verschiedenen Kulturen eine gleichartige Manifestation der Grundstruktur bestimmter psychischer Funktionskomplexe auf. Die Bilder sind zwar der umgebenden Kultur entlehnt, gleichwohl handelt es sich immer um ähnliche Inhalte (Archetypen), z.B. um den Kampf des Helden mit der Riesenschlange, der Sphinx oder dem Drachen, kurz mit den Naturgewalten. Tiefenpsychologisch bedeutet dies den Kampf des Ich um das Bewusstsein. Wie in Mythen, Märchen und in der Kunst werden diese Bilder auch im Traum und in der Phantasiebildung der modernen Menschen benutzt (Superman, James Bond, der Detektiv oder Kommissar etc.).

Jungs Konzept, außer der persönlichen und dem Zeitgeist entlehnten Sphäre ein vorstrukturiertes kollektives Unbewusstes anzunehmen, hat praktische Konsequenzen. Da das kollektive Unbewusste einen autonomen Funktionskomplex darstellt, sind darin wie in einem Samenkorn die zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten bereits vorgegeben. Jungs Interesse gilt diesen Entwicklungsmöglichkeiten, die dem Bewusstsein (meist über Trauminhalte) vom Unbewussten angeboten werden.

Wenn man sich auf diese Theorie einlässt, wird Psyche zum Objektiv, zur Realität, mit der man umgehen können sollte. Die innere psychische und die äußere Welt sind bei dieser Betrachtungsweise gleichwertig. Unbewusste Äußerungen im Traum werden dann nicht als Reaktion auf äußere Reize verstanden, sondern als Botschaften einer autonomen inneren Welt, die allerdings zum Bewusstsein Verbindungen hat.

Die Anekdote eines chinesischen Weisen deutet auf die Gleichwertigkeit von Tag- und Nachtbewusstsein hin, in der wir je die Hälfte unseres Lebens verbringen:

„Heute Nacht träumte ich, ich sei ein Schmetterling und flöge auf einer Wiese voller Blumen. Nun, da ich aufgewacht bin, weiß ich nicht recht, bin ich nun ein Mensch, der geträumt hat ein Schmetterling zu sein, oder bin ich ein Schmetterling der jetzt träumt ein Mensch zu sein?“

Jung war der erste Psychologe, der zur Beantwortung dieser Fragen bereits vor mehr als fünfzig Jahren bei Nachbarwissenschaften nach Antworten gesucht und intensiven Austausch gepflegt hat. (Briefwechsel mit Nobelpreisträger W. Pauli von 1932-1958).

Vor diesem nur stichwortartig dargestellten Hintergrund möchte ich über eine beeindruckende Traumserie mit prognostischem Inhalt berichten. Die jeweiligen Symbole, deren Sinn erst post festum richtig gedeutet werden konnte, werfen die Frage auf, ob bestimmte Träume die Zukunft konstellieren oder ob die Träume aus einem „Wissen“ stammen, in dem die Zeit aufgehoben ist: Es stellt sich die Frage, auf welcher energetischen Ebene Botschaften aus dem kollektiven Unbewussten über Träume zum Bewusstsein vordringen; – und weshalb gerade dieser „Eintrag“ zu diesem Zeitpunkt aktiviert wurde. Eine Antwort könnte vielleicht lauten: Weil die Träumerin auf kommende Ereignisse von großer emotionaler Bedeutung vorbereitet werden sollte. (Lottozahlen werden bekanntlich nicht geträumt. Geld scheint der Seele nicht so wichtig zu sein, wohl aber dem Bewusstsein.)

Es handelte sich um eine Journalistin, Mitte vierzig, die im Begriff stand, mit einem gleichaltrigen Mann eine Ehe einzugehen. Aufgrund von beruflich notwendigen Auslandsaufenthalten waren beide häufig getrennt und führten eine sogenannte Wochenendbeziehung. Gemeinsames Domizil war vorübergehend ein Ferienhaus in Österreichs Bergen. In Kürze wollten sie ihre beruflichen Aktivitäten so koordinieren, dass sie in Deutschland Wohnsitz nehmen konnten. Im August des entscheidenden Jahres hatte die Frau plötzlich das Gefühl ein Tagebuch anlegen zu müssen, um ihre Träume und Erlebnisse aufzuschreiben. Bis dahin hatte sie noch nie einen derartigen Impuls verspürt.

Am 30. September hatte sie den ersten Traum, den sie wie folgt notierte:

A. steht im Fenster und sagt: „Ich springe jetzt!“ Sie denkt im Traum: Das hat er schon oft gesagt. Es passiert ohnehin nichts. Dann sagt sie ärgerlich: `Ich kann es nicht verhindern, wenn Du springen willst.´ Er springt. Sie denkt: das ist nur Spaß! Und sieht ihn vom Fenster aus unten leblos auf dem Rasen liegen. Sie will das immer noch nicht glauben, geht hin und muss tatsächlich seinen Tod feststellen. Sie glaubt es immer noch nicht.

Die Träumerin war zu diesem Zeitpunkt besorgt, weil beide ein hektisches Leben führten und sehr viel im Auto unterwegs waren. Sie interpretierte diesen Traum als Reaktion auf diese Ängste.

Vier Wochen später, am 31. Oktober, schrieb sie folgenden Traum auf:

Sie sitzt mit A. im Frühstücksraum eines Hotels, zusammen mit anderen Gästen. Er reicht ihr über den Tisch ein Etui in dem sich ein herrlicher Ring aus lauter Diamant-Navettes befindet. (Navettes sind oval-spitz-zulaufend geschnittene Diamanten. Wörtlich übersetzt bedeuten sie „Schiffchen“, sie erinnern aber in ihrer Form auch an Blätter). Sie denkt (im Traum): das ist ja unglaublich, dass er mir so kostbaren Schmuck schenkt. Bei ihrer sportlichen Lebensweise hätte er ihr normalerweise sicher nur an ein praktisches, unromantisches Geschenk gemacht. Plötzlich verwandelt sich der Diamantring in einen weißen Kranz….“

Diesen Traum versteht sie nicht. Sie wundert sich nur über den „Luxus“.

Am 30. November notiert sie wieder einen Traum. Sie führt ihn darauf zurück, dass er ärgerlich war, weil sie das Ferienhaus winterfest machen, und erst im Frühjahr wiederkommen wollte. Sie befürchtete einen plötzlichen Wintereinbruch und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten. Darüber stellte sich eine leichte Verstimmung zwischen dem Paar ein:

Sie befindet sich in einer ganz bestimmten Klinik, die sie namentlich kannte, in der Stadt, in der sie in Kürze ihren Wohnsitz nehmen wollten. Ihr Lebensgefährte liegt dort auf der Intensiv-Station und wird künstlich beatmet. Ein Team von Ärzten steht schemenhaft herum und ihre Stimmen sagen: “A. stirbt.“ Daraufhin fragt sie verzweifelt: „Kann man denn da gar nichts machen?“ „Nein, er stirbt!“ war die Antwort. Sie blickte in Richtung seines Heimatlandes und sagte zu sich: „Jetzt bin ich wieder allein.“

Auch diesen Traum fasste sie nicht als bedrohlich auf. Sie notierte ihn zwar, dachte aber psychologisierend, das sei die Reaktion auf den Dissens vom Wochenende. Irgendwo hatte sie einmal gelesen, dass man den Tod nur symbolisiert im Traum wahrnimmt, niemals als wirkliche Sterbeszene.

Die Verstimmung wich dann auch wieder. Es herrschte sogar ein besonders gutes Einverständnis in den folgenden vier Dezemberwochen.

Dann bekam er eine scheinbar harmlose Erkältung, die ihn aber nicht von seinen Geschäftsterminen in Italien und Norddeutschland abhielt. Zwischendurch traf sich das Paar für einige Tage oder Stunden. Seine Erkältung weitete sich zu einer Nebenhöhlenvereiterung aus. Er trat gegen den Rat seines Arztes eine weitere Geschäftsreise an. Danach war eine Sylvesterfeier geplant, die am neuen Wohnsitz stattfinden sollte. Am 30. Dezember kam er spät Nachts nach langer Autofahrt dort an. Er befand sich in euphorischer, geradezu manischer Stimmung, freute sich, trank Wein… bekam Schüttelfrost. Seine Temperatur am frühen Morgen: 40,5 Grad.

Der Notarzt wies ihn ins Krankenhaus ein. Als die herbeigerufenen Sanitäter über die Rettungsleitstelle nach einigem Funkverkehr die Anweisung bekamen genau jenes Krankenhaus anzufahren, von dem sie bereits geträumt hatte, wurde der Rest der Ereignisse nur noch zum Déja-vu-Erlebnis. Wenige Stunden später stand sie am Bett der Intensiv-Station. Die Ärzte antworteten, als sie – so wie im Traum – die Frage stellte: „Wir können nichts mehr tun. Er stirbt uns unter den Händen weg.“

Der Träumerin wurde erst im Nachhinein, während ihrer Trauerzeit, in der sie ihr Tagebuch las, bewusst, dass sie seit drei Monaten deutliche Hinweise auf die drohende Gefahr erhalten hatte. Jetzt erkannte sie, dass das jeweilige Monatsende eine Analogie für den Jahreswechsel war, an dem sich das Unheil vollendete.

Nun kann man aus dieser Traumserie viele Symbole ausfiltern, die aber nicht verstanden wurden, bis die Psyche den ganz und gar unverhüllten Sachverhalt (im dritten Traum) zum Bewusstsein brachte, der aber dann als Symbol umgedeutet wurde. (Jung weist darauf hin, dass ein Symbol, das „verstanden“ wird, seinen Symbolcharakter verliert und lediglich zum Zeichen wird).

Ob der Lauf der Dinge bei richtiger Interpretation der Träume zu verhindern gewesen wäre, bleibt dahingestellt.

Zu den Symbolen im ersten Traum: Der Rasen und die umgebenden Büsche deuten ziemlich unverhüllt auf den „Rasen, der uns alle einmal deckt“ hin. Auch der „Garten“. Das Fenster aus dem er springt erinnert an die Redewendung: „Weg vom Fenster“, die aus dem Ruhrgebiet stammt, aus einer Zeit da die Leute noch täglich im Fenster lehnten und dem Treiben auf der Straße zusahen. Wer dort nicht mehr gesehen wurde war gestorben.

Das Symbol im zweiten Traum, der weiße Ring mit den Navettes, den Schiffchen, (Totenschiffchen) bzw. gleichzeitig „Kranz“, ist ebenfalls sehr beziehungsreich.

Beim dritten Traum war eigentlich nur der Name des Krankenhauses unglaubwürdig, denn bei Tageslicht betrachtet wäre es unwahrscheinlich gewesen, dass der Patient in genau dieses Krankenhaus eingeliefert worden wäre. Er wäre ins „Spital“ (Österreich) gekommen, wenn es sich um den Ausdruck einer rational begründeten Sorge gehandelt hätte.

C.G. Jung wies darauf hin, dass Träume eine prognostische Bedeutung haben können. Er spricht davon, dass es vor Therapiebeginn häufig einen „Initialtraum“ gibt, der den weiteren Verlauf der Therapie vorwegnimmt. Solche Initialträume gibt es auch bei wichtigen Begegnungen, die für die persönliche Entwicklung von Bedeutung sind.

In diesem Zusammenhang kann ich über eine eigene Traumerfahrung berichten:

Ein Familienmitglied war schwer erkrankt. Dies war die Wiederholung eines Leidens, das etwa neun Jahre vorher nach einer dramatischen Operation überstanden zu sein schien. Diesmal war nach Auskunft der Ärzte eine Rettung aussichtslos. Wir alle waren sehr bedrückt, als der Patient am Wochenende zum Sterben nach Hause geschickt wurde, weitere Interventionen wurden abgelehnt. Jeder versuchte auf seine Weise mit der heillosen Situation zurecht zu kommen. Hilflos zündete ich eine Kerze an. In der Nacht hatte ich folgenden Traum:

„B. lag zum wiederholten (?) Male tot da. Es kamen einige Leute, um ihn zu reanimieren. Dies sollte so vor sich gehen, dass er zusammen mit einem Lebensretter in einen Sarg gelegt werden sollte. Ich protestierte: „Das kann man nicht machen! Nun hat er schon so oft dem Tod ins Auge geblickt. Wenn er aufwacht und den Sarg sieht, … das ist ja entsetzlich!“ Ein Sarg wurde herangefahren. Er hatte einen aufklappbaren Deckel, ähnlich einer antiken Schreibkommode. Die Prozedur wurde durchgeführt. Der Tote bäumte sich auf. Er riss die Augen auf. In seinem Gesicht stand ein unsägliches Grauen. Ich fing an zu lachen und lachte und lachte und laut lachend erwachte ich. …“

Dieses Lachen empfand ich als äußerst unpassend und konnte es mir nicht erklären. Dennoch blieb mir die heitere Stimmung den ganzen Tag erhalten. Der Spruch: „Totgesagte leben länger!“ hat sich bewahrheitet: Der Totgesagte erfreut sich heute (nach zwei Jahren) immer noch seines Lebens und geht seinen Geschäften, mit beeindruckender Energie nach. Ich weiß immer noch nicht, warum ich im Traum – und sogar über die Schwelle ins Bewusstsein hinein – so sehr lachen musste, ich weiß nur, dass die monatelange Bedrückung einem befreienden Lachen wich, obwohl der manifeste Trauminhalt dazu keinen Anlass geben konnte. Ein tieferes „Wissen“ (aus dem kollektiven Unbewussten?) hat wohl dieses Lachen hervorgerufen. Ich glaube jedenfalls, dass unser Patient außer Gefahr ist, … zumindest bis zum nächsten Traum.

 

Literatur:

Jung CG (1991) Seminare Traumanalyse. Nach Aufzeichnungen des Seminars 1928-1930. Walter-Verlag, Olten
Meier CA (Hrsg) (1992) Ein Briefwechsel 1932-1958/Wolfgang Pauli und C.G. Jung. Springer, Berlin Heidelberg
Siebenthal von W (1953, 1984) Die Wissenschaft vom Traum. Springer, Berlin Heidelberg

Emotionale Intelligenz

Emotionale Intelligenz – ein Muss für erfolgreiche Führungskräfte

Mäxchen war ein miserabler Schüler. Als er erwachsen ist trifft er auf seinen alten Lehrer. Inzwischen fährt der „große Max“ fährt ein teures Auto, trägt eine goldene Rolex und ist auch sonst mit allen Insignien des Wohlstands ausgestattet. Der Lehrer ist fassungslos und fragt Max nach seinem Erfolgsrezept. Frohgemut antwortet der: „Ach Herr Lehrer, Sie wissen doch wie schlecht ich immer im Rechnen war. Inzwischen kann ich das ganz ausgezeichnet. Ich handle mit Parfümerieartikeln. Meine Seifen, zum Beispiel, kaufe ich um zwei Mark ein und verkaufe sie um fünf Mark. – Und von den drei Prozenten lebe ich!“

Ist unser Max nun intelligent oder dumm?

Seine besondere Form der Intelligenz wird in IQ-Tests selten berücksichtigt. Die Geschichte zeigt uns aber in drastisch-humorvoller Weise, dass die Frage nach der Intelligenz gar nicht so einfach zu beantworten ist, dass Schulwissen nicht alles im Leben ausmacht.

Was ist Intelligenz? Intelligenz wurde bereits im antiken Griechenland als Persönlichkeitsmerkmal begriffen, als „Exhypnos“, Aufgewecktheit. Moderner ausgedrückt: als die Geschwindigkeit mit der Informationen verarbeitet werden können. In der modernen Psychologie wird diese Fähigkeit als Persönlichkeitsmerkmal verstanden, weshalb der Intelligenzquotient der Person als überdauernde Eigenschaft zugeschrieben wird. Intelligenz ist aber nicht nur angeboren, man kann sie auch schulen. Allerdings geht dies nur durch kontinuierliches Lernen und Einprägen.

Immer noch wird mit großer Ehrfurcht davon gesprochen, dass diese oder jene Person einen besonders hohen Intelligenzquotienten hätte. Dabei wurde der IQ-Test ursprünglich von dem französischen Psychologen Alfred Binet nur konstruiert, um eine Vorhersage über den Schulerfolg zu ermöglichen. Der Test misst nur das,  was der Psychologe, der ihn entwickelt hat, für Intelligenz hält.

Ähnliches gilt für Schulnoten. Gute Noten bedeuten, dass der Schüler die Aufgaben in der Schule bewältigt hat. Sie sind aber kein zuverlässiger Prädiktor dafür, dass der Schüler im wirklichen Leben Erfolg haben wird.

Was sind Emotionen?

„Richtig sieht man nur mit dem Herzen; das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar.“ (Antoine de Saint-Exupery, Der kleine Prinz)

Die Evolutionspsychologen haben den Emotionen eine zentrale Rolle zugewiesen. Immer dann, wenn wichtige Entscheidungen anstehen, wenn mit Verlusten umgegangen werden muss, bei der langfristigen Verfolgung eines Ziels trotz Frustration – oder bei der Partnerwahl und in vielen anderen Situationen: „Jede Emotion weckt eine spezifische Handlungsbereitschaft, die uns in eine Richtung weist, welche sich in der Evolution angesichts von Umständen, die in jedem Menschenleben immer wieder vorkommen, gut bewährt hat…. Während unserer Evolution sind solche Situationen immer wieder aufgetreten, und so hat sich ein überlebenswichtiges Repertoire an Emotionen herausgebildet, die sich als angeborene, automatische Tendenzen des menschlichen Herzens in unsere Nerven eingeprägt haben“ (Goleman, S. 20).

Emotionale Intelligenz entsteht durch langsame Konditionierungsprozesse, durch Einprägung. Es nützt nichts, nur Vorträge über emotionale Intelligenz zu besuchen, man muss sie kontinuierlich einüben.

Da wir bereits wissen, dass die Verarbeitungsgeschwindigkeit ein wichtiges Kriterium für Intelligenz ist, bedeutet emotional intelligentes Verhalten, dass man eine Situation schneller erfasst als andere. Der Eine kommt z.B. in einen Raum mit mehreren Personen und spürt sofort die spannungsgeladene Atmosphäre, während ein Anderer dafür nicht sensibel ist . Das kann besonders bei introvertierten Menschen der Fall sein. Sie reagieren kühl wie der Silicium-Chip eines Computers, der seine Entscheidungen ausschließlich aufgrund von Berechnungen trifft. Die Überzeugung, Emotionslosigkeit stelle den Schlüssel für erfolgreiches Problemlösen dar, spukt zwar noch in vielen Köpfen herum, wird aber heute kaum noch ernst genommen.

Daniel Goleman hat den Begriff „Emotionale Intelligenz“ 1995 in die öffentliche Diskussion eingeführt. Der Begriff war „intelligent“ gewählt, weil Goleman auf Defizite in unserer Gesellschaft aufmerksam machen wollte, denen wir alle ziemlich ratlos gegenüber stehen. Durch die Verwendung des prestigeträchtigen Begriffes „Intelligenz“ in Verbindung mit „Emotion“ konnte er mit Aufmerksamkeit rechnen. Emotionen wurden bis zu Golemans Buch eher als hinderlich für eine rationale Weltbetrachtung angesehen. Im Grunde geht es ihm um die Rückbesinnung auf Werte, die unseren Vorfahren sehr wohl bewusst waren und von ihnen auch eingeübt und geschult wurden. Kinder sollen wieder lernen mit sich und ihrer Umwelt achtsam umzugehen und – vor allen Dingen erkennen, welche Gefühle ihr Verhalten steuern. Man könnte ebenso gut von Charakterbildung oder Erziehung zu selbstverantwortlichem Handeln sprechen. Begriffe und Werte, die in unserer Kultur immer eine große Rolle spielten und dann – vielleicht wegen der Enttäuschung über die Massaker der beiden Weltkriege – aus dem Blick kamen. Religionen, als Anleitung für ein gelingendes Leben, wurden lächerlich gemacht. Überhaupt gilt Moral heutzutage geradezu als Synonym für Unaufrichtigkeit. Man ist lieber „aufrichtig“ unmoralisch. Dennoch kommt keine Gesellschaft ohne moralische Standards auf Dauer aus. Sie sind als Richtschnur und Ideal unverzichtbar.

In unserer Shareholder-Value-Gesellschaft zählt nur der unmittelbare materielle Nutzen. Hohe Gewinne und viel Geld scheinen alles zu rechtfertigen. Bildung, Charakter, Rücksicht, Anstand, Einfühlungsvermögen, gute Umgangsformen werden in unseren Tagen nicht sonderlich belohnt. Man gerät in Gefahr von weniger sensiblen Zeitgenossen überrumpelt zu werden, wenn man sich solche Verhaltensnormen zu Eigen macht; – und sei es nur (symptomatisch) im Kampf um einen Parkplatz.

Emotionale Intelligenz sollte wieder geschult und durch Einprägung zu einer überdauernden Charaktereigenschaft herausgebildet werden, so wie der IQ ein Persönlichkeitsmerkmal ist, wäre dann der EQ Kennzeichen einer gesellschaftlichen Elite und Voraussetzung für Führungskompetenz. – Oder war emotionale Intelligenz immer schon ein Merkmal für erfolgreiche Führung?

Goleman rührt an offene Wunden, wenn er schreibt, „…dass der Zusammenhalt der Gesellschaft sich immer schneller aufzulösen scheint, in der Egoismus, Gewalt und Niedertracht die Qualität unseres Gemeinschaftslebens zu untergraben scheinen.“

Wird uns nicht täglich durch die Medien vorgeführt, wie jeder Impuls sofort ausgelebt werden kann? Gilt nicht als besonders gut, ein Kind „antiautoritär“ zu erziehen? Was letztendlich nur heißt, dass Kinder keine Frustrationen auszuhalten lernen, dass sie nicht fähig sind Belohnungen aufzuschieben, sich auf eine Sache längere Zeit zu konzentrieren, dass Disziplin ein „Hasswort“ geworden ist. „Autoritär“ wird meistens mit „Autorität“ verwechselt – danach allerdings verlangen Kinder und Jugendliche – und auch immer mehr Erwachsene – verzweifelt.

„Emotionale Intelligenz hat etwas zu tun mit dem Zusammenhang zwischen „Gefühl und Charakter und moralischen Instinkten“. (Goleman)

Nun wird heute gerne so getan, als ob Moral oder Altruismus nur etwas für frömmelnde Betschwestern sei. Ohne die Fähigkeit zur Empathie hätte die Spezies Mensch, ja nicht einmal eine Schimpansenhorde, überlebt. Selbstbeherrschung und Mitgefühl sind die Voraussetzung für das Zusammenleben in einer Gruppe. Wir Menschen sind auf einander angewiesen – das ist eine Plattitüde! Dazu müssen wir aber sowohl uns selbst richtig wahrnehmen, als auch die Emotionen anderer richtig deuten können. Beides muss gelernt werden, man nennt dies heute „Sozialisation“ – früher hieß es schlicht „Erziehung“. Übrigens etwas, das man bei jeder Katzen- oder Hundemutter beobachten kann.

Wir alle kennen die Situation: Wir sind gemütlich mit dem Auto unterwegs und genießen die Tatsache, dass wir Zeit haben. Da sehen wir im Rückspiegel, wie ein ungeduldiger Sportwagenfahrer dicht auffährt und trotz der unübersichtlichen Lage zum Überholen ansetzt. Automatisch geben wir Gas. Die innere Ruhe ist dahin. Wir zeigen dem „Raser“ dass wir mindestens ebenso schnell beschleunigen können wie er. Wir reagieren mit Flucht, obwohl der aufholende Wagen nur schneller weiterkommen will als wir.

Psychologen sagen in solchen Situationen spöttisch: „Jetzt hat der Fahrer wieder sein Reptiliengehirn eingeschaltet!“ Tatsächlich übernimmt in diesem Augenblick reflexartig ein Impuls, der von einer niedrigeren neuronalen Basis her kommt, die Steuerung des Verhaltens. Die Vernunft braucht einige Zeit, bis sie sich durchsetzt, denn die neuronalen Verschaltungen des Neokortex sind komplizierter und infolgedessen auch unklarer. Sie müssen mehrfach überprüft werden, bis eine Handlung ausgeführt werden kann. Die neuronale Primitivreaktion hingegen reagiert blitzartig und „überrumpelt“ das differenziertere Denken. Die starken Emotionen stammen aus dem Mandelkern (Amygdala), einem mandelförmigen neuronalen Gebilde oberhalb des Hirnstammes, nahe an der Unterseite des limbischen Ringes. Die zwei Mandelkerne (einer in jeder Gehirnhälfte) sind beim Menschen größer als bei unseren engsten evolutionären Verwandten, den anderen Primaten.

Hippocampus und Mandelkern waren die beiden entscheidenden Teile des primitiven „Riechhirns“, aus denen in der Evolution Kortex und Neokortex hervorgingen. Der Mandelkern ist Spezialist für Emotionen. Menschen denen die Amygdala operativ entfernt wurde können zwar Gespräche führen, die Wertigkeit einer Beziehung – selbst zur eigenen Mutter – wird aber nicht mehr gefühlt. „Der Mandelkern scheint als Speicher der emotionalen Erinnerung und damit der Sinngebung von Emotionen zu fungieren; … Am Mandelkern hängt nicht nur die Zuneigung – jegliche Leidenschaft hängt von ihm ab. Tiere, bei denen der Mandelkern entfernt (…) wurde, kennen weder Furcht noch Wut, verlieren den Antrieb für Wettbewerb und Kooperation und erkennen nicht mehr ihre Stellung innerhalb der sozialen Ordnung ihrer Art. …(Goleman, S. 33)

Wenn man sich dies vor Augen hält, könnte man angesichts mancher moderner Entwicklung die Frage stellen, ob wir heute zu einer Gesellschaft mutieren, die wieder in primitivere Verhaltensweisen regrediert, zur „Sibling Society“ wie es Robert Bly (1996) nennt, einer „Kindlichen Gesellschaft,“, die ihre Impulse nicht mehr beherrschen kann. Emotional intelligentes Verhalten wäre hingegen idealerweise reif und abgewogen, im Einklang mit sich und der Umwelt.

Was haben Emotionen und Intelligenz mit Führung zu tun?

„Führung ist zielbezogene Einflussnahme „ (Rosenstiel, Molt & Rüttinger, 1988). Werden die jeweiligen Ziele, (meist durch die Organisation oder das Unternehmen vorgegeben) erreicht, so ist damit auch gleichzeitig der Erfolg (im Zusammenhang mit der Führungsaufgabe) definiert. Dennoch: Ziele können noch so genau definiert sein, die Unternehmensberatung kann noch so präzise Handlungsanleitung geben; immer wieder stellt sich bei Mitarbeiterbefragungen heraus, dass es vom Führenden abhängt, ob Dienst nach Vorschrift abgeleistet – oder engagiert und verantwortungsbewusst gearbeitet wird.

80 – 95% der Arbeitszeit verbringen Vorgesetzte mit Kommunikation. Fachkompetenz wird dabei als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Dafür hat man schließlich Jura oder Ingenieurswissenschaften studiert. Unterschiede im Führungserfolg ergeben sich aus der Fähigkeit Mitarbeiter zu motivieren – besser noch: zu begeistern. Es genügt nicht mehr aus irgendwelchen Zufällen heraus „Chef“ zu sein. Ein guter Studienabschluss reicht auch nicht mehr aus. Führungsqualitäten sind nicht so einfach einzugrenzen und zu definieren.

Hierzu ein Fall aus meiner Praxis:

In einer internationalen Handelsgesellschaft wurde ein Einser-Jurist eingestellt. Dieser hatte eine Hochschulkarriere ausgeschlagen um zu beweisen, dass er nicht nur auf der Universität hervorragende Leistungen erreichen kann. Der Ausflug ins Wirtschaftsleben endete mit einem Desaster: Durch seine akademische Arroganz machte er sich bei Kollegen und Geschäftspartnern unbeliebt. Trotz seiner brillanten juristischen Kenntnisse war er als Verhandlungspartner bei wichtigen Geschäftsabschlüssen nicht zu gebrauchen. Fachkompetenz allein ist keine Garantie für Führungskompetenz.. Vielleicht wäre ein Hochschulposten geeigneter gewesen. Vielleicht könnte die zur Schau getragene juristische Überlegenheit sogar auf Studenten motivierend wirken. Dann wäre er, so könnten wir weiter spekulieren, im Sinne dieser Führungsaufgabe sogar als erfolgreich einzustufen. – Im normalen Geschäftsleben reicht aber rein kognitive Überlegenheit nicht hin, um ernst genommen zu werden.

Ein weiterer Fall:

Eine junge Frau aus der Medienbranche kommt in meine Praxis um Ihre Depression behandeln zu lassen. Ich kannte sie schon aus ihrer Studentenzeit, auch damals hatte sie ein vorübergehendes Tief auf Grund einer unglücklichen Liebesgeschichte. Die Störung konnte schnell behoben werden.

Inzwischen waren sechs Jahre vergangen. Sie ist mit einem Kollegen

verheiratet und beruflich war sie bis vor kurzem sehr erfolgreich. Ihre aktuelle Depression ist schlimmer als alles was sie bisher erlebt hatte. Sie befürchtete ihre Ehe zu zerstören und ihren Job zu verlieren. Sie konnte nicht mehr arbeiten. Sie konnte aber auch auf ihren Mann nicht mehr eingehen. Einerseits klammerte sie sich an ihn – andererseits ließ sie sich gehen. Sie erwartete von ihm „Rettung“ von etwas, was sie selbst nicht kannte. Immer wieder versicherte sie mir, dass sie keinen Grund für Ihre Depression wüsste.

Dann bat ich ihren Mann um seine Meinung. Da er mit ihr eng zusammen arbeitete konnte er Grund und Zeitpunkt des Ausbruchs der Depression schnell benennen: Sie wurde vor drei Monaten für zwei Filme, die sie im Ausland gedreht hatte von ihrem Vorgesetzten und den Kollegen heftig kritisiert. Ihr Mann kannte diese „Rituale“ (wie er sie nannte) bereits und nahm sich die Sache nicht so sehr zu Herzen. Er wusste, dass die Kollegen selten Zeit hatten, einen Film anzuschauen. Wenn dies aber geschah, wurde bei allen hart kritisiert. Dabei ging es nicht immer sehr fair zu. Seine Frau aber, die mit den Gepflogenheiten ihrer Branche noch nicht so vertraut war, nahm die Sache persönlich und brach unter dem Ansturm der negativen Kommentare völlig zusammen.

Wir konnten uns darauf einigen, dass sie ein klärendes Gespräch mit ihrem unmittelbaren Vorgesetzten führt. Unmittelbar danach waren drei Monate Stagnation, Depression und Verzweiflung wie weggeblasen. Sie konnte wieder arbeiten und die Filme innerhalb eines einzigen Wochenendes fertigstellen.

Dieses Beispiel zeigt, in welchem Ausmaß Geld und Arbeitskraft durch Kränkungen am Arbeitsplatz verschwendet werden. Die meisten Führungsmodelle haben ein klares Konzept der Rationalität – dabei kommt die Emotion zu kurz. An dem oben dargestellten Beispiel ist dem Vorgesetzten vieles aus dem Ruder gelaufen. Erstens hat er seine sarkastischen Kommentare gar nicht so ernst genommen. Er bemerkte nicht einmal, dass er damit seine erfolgsverwöhnte Mitarbeiterin kränkte. Zweitens hat er verkannt, dass sie die Kritik unvorbereitet traf und auch nicht gewohnt war. Drittens konnte aber auch die Patientin ihre Gefühle nicht richtig deuten. Sie bemerkte nicht einmal, dass die Depression eine Folge der Kritik ihrer Kollegen und Vorgesetzten war. All diese Faktoren (und noch einige mehr) führten zu einem totalen Arbeitsausfall und einer persönlichen Krise der zweifellos fähigen jungen Frau.

Oft sind es gerade die Erfolgreichen, die sich Kritik sehr zu Herzen nehmen. Gerade sie sind ja besonders engagiert und versuchen gute Arbeit zu machen. Sie strengen sich über alle Maßen an. Weil sie aber so erfolgreich dastehen bekommen sie selten Lob und Anerkennung. Man denkt: „die wissen ohnehin, dass sie gut sind. Man muss es ihnen nicht auch noch sagen.“ Das ist ein großer Irrtum! Je höher die Position umso weniger Anerkennung bekommt man im Allgemeinen. Dies sollte bedacht werden, wenn man kritisiert. Selbstverständlich muss sachliche Kritik geäußert werden, wo etwas im Argen liegt, allerdings sollte sie in konstruktiver Weise erfolgen.

Um Ihnen den Kränkungsmechanismus zu verdeutlichen, möchte ich Ihnen in

Anlehnung an Evelyn Kroschel ein Motivationsmodell vorstellen, das in eleganter Weise Führungsanforderungen mit emotionaler Intelligenz verbindet:

Jeder Mensch wird durch einige wenige Grundbedürfnisse mehr oder weniger gesteuert. Diese Grundmotive sind polar angeordnet, so dass immer ein Spannungsverhältnis besteht. Ich habe diese Grundmotive im Gegensatz zu Kroschel verkürzt auf das Bedürfnis nach Bindung (das sehr viele differenziertere Begriffe wie z.B. Liebe oder Loyalität mit umfasst) und im Gegensatz dazu – auf dem anderen Pol – das Bedürfnis nach Freiheit, worunter man auch wieder viele weitergehende Motive subsummieren kann, wie z.B. Autonomie, Individualität, aber auch Spiel und Spaß. Das zweite Hauptmotiv wäre Sicherheit und Besitz im Gegensatz zum Bedürfnis nach Neuigkeit und Leisten-wollen. Auch diesen beiden Hauptbegriffen sind viele ähnliche Motive zuzuordnen.

Die Spannung zwischen den Gegensätzen ist nie ganz aufzulösen. Idealerweise sollte man die Möglichkeit haben zwischen den Polen, etwa um die Mitte herum, etwas hin- und her zu wandern. Wir befinden uns – je nach Bedürfnislage – immer mehr auf der einen oder anderen Seite. Je nach Lebenskonzept und Entwicklungsstadium spielen bestimmte Motive eine stärkere Rolle als andere. So kann z.B. ein Mensch, der in der Kindheit Krieg und Enteignung erlebt hat, möglicherweise allzu sehr auf dem Sicherheitspol fixiert sein und dadurch neuen Entwicklungen äußerst misstrauisch gegenüber stehen. Er versucht möglichst jedes Risiko vermeiden, was zu Zwanghaftigkeit, Dogmatismus und Pedanterie führt. Andererseits wird er aber gerade seine Sicherheiten umso mehr riskieren, je weniger er Neuem gegenüber aufgeschlossen ist. Seine Besitztümer könnten sehr schnell an Wert verlieren, wenn er sich nicht genügend informiert. Dies gilt auch für das „Hergeben“ bzw. Leisten-wollen.  In Bezug auf das jeweilige Entwicklungsstadium wäre zu berücksichtigen, dass ein junger Mensch verständlicherweise gerade besondere Bedürfnisse hat, die dem Freiheitspol zuzuordnen sind. Emotional intelligente Personen erkennen solche Bedürfnisse und vermeiden nach Möglichkeit besondere Frustrationen auf diesem Gebiet. Allzu starke Fixierung auf einer Pol-Seite bringt andererseits immer eine Frustration des Gegenpols mit sich und es folgt eine unheilvolle Kränkungsspirale. Je mehr ein Partner klammert, umso mehr wünscht sich der andere Freiheit. Je rigider Eltern mit ihren Kindern umgehen, umso unverantwortlicher benehmen sie sich – usw.

Wenn unter Führung „zielbezogene Einflussnahme“ zu verstehen ist, dann stellt sich die Frage, wie man Ziele erreicht. Die Schlüsselqualifikation heißt „Soziale Kompetenz“. Welches konkrete Verhalten zeigt auf, ob jemand sozial kompetent ist?

Soziale Kompetenz setzt voraus, dass ich die psychischen Grundbedürfnisse meiner Mitarbeiter erkenne und so weit wie möglich berücksichtige. Menschen mit sozialer Kompetenz schreibt man „natürliche Autorität“ zu. Sie ist nicht angeboren sondern erlernt (vielleicht von einem Vorbild).

Natürliche Autorität beruht auf zwei Säulen

                      Mut                                                                               Fähigkeit

zum entschiedenen                                                              für andere ein

selbstverantwortlichen Handeln                                        „Bedürfnisbefriediger“ zu sein

Selbsterkenntnis, Achtsamkeit und                           Erkenntnis und Würdigung fremder

Akzeptanz einer gegenseitigen                                                 Wirklichkeiten

Abhängigkeit                                                               Kränkungsfreies Verhalten

Kognitive Intelligenz (IQ) entsteht durch den Aufbau einer Wissensstruktur; emotionale Intelligenz (EQ) durch den Aufbau „nährender Felder“ (Kroschel) für sich selbst und die Mitarbeiter; – und durch Sensibilisierung für „toxische Felder“ um sie nach Möglichkeit  zu vermeiden. Wenn eines der Grundmotive frustriert wird, löst dies eine Kränkung aus. Kränkungen sind nicht immer zu vermeiden. Eine Führungskraft muss aber wissen, welche Dynamik damit in Gang gesetzt wird. Dann kann sie auch manche –scheinbar irrationale – Reaktion besser verstehen:

Eine Kränkung löst gleichzeitig vier Reaktionen aus:

Blockade  –  Schmerz  –  Aggression  –  Scham.

Dabei läuft meistens nur ein Prozess bewusst ab. Am häufigsten ist die Blockade zu beobachten, wie im Fall der Filmregisseurin.

Bei der Blockade werden Assoziationen zu verdrängten ähnlichen früheren Erlebnissen hervorgerufen. Diese Verdrängung erfordert einen hohen psychischen Energieaufwand. Als Folge stellt sich eine Reduzierung der Reaktions- und Handlungsfähigkeit ein. (Am nächsten Tag fällt einem dann die schlagfertige Antwort ein. Dann ist es aber zu spät).

Wie jede körperliche Verletzung verursacht auch jede psychische Kränkung Schmerz. Wir sind aber durch unsere Erziehung für die psychischen Verletzungen eher desensibilisiert. (Indianer kennen hingegen keinen körperlichen Schmerz). Folge der Verdrängung sind Ängste, Niedergeschlagenheit, Energielosigkeit, Depression, Zwänge, Süchte und Mitleidlosigkeit.

Scham geht mit Verlust der Selbstachtung einher. Angst vor Misserfolg, anstelle Erwartung auf Erfolg bestimmt das Handeln. Die Risiko- und Lernbereitschaft wird gehemmt. Neugier und Offenheit sind eingeschränkt. Konfliktfähigkeit nimmt ab. Intoleranz gegen sich selbst führt zur Unfähigkeit eigene Fehler oder Unwissenheit einzugestehen. Dadurch fehlt die Gelassenheit sich rechtzeitig Informationen und Hilfe zu beschaffen.

Die Aggression richtet sich entweder direkt gegen den Kränker als Rache, z.B. als Abwertung, oder man sucht sich dafür Verbündete. Intrigen werden angezettelt oder Forderungen und Wünsche sabotiert. Die Aggression kann sich aber auch gegen Unbeteiligte richten. (Der Herr schlägt den Hund und meint den Chef –oder brüllt die Kinder an – oder, (was besonders häufig vorkommt) er wird zum Horror-Autofahrer, für den jeder andere Verkehrsteilnehmer ein Vollidiot und was sonst noch alles ist). Damit wird bei diesen dieselbe Dynamik in Gang gesetzt.

Im Fall der Filmemacherin können wir alle Reaktionen sehr gut beobachten. Ihre Arbeitsunfähigkeit war u.a. auch eine Aggression gegen den Arbeitgeber. Die Depression eine gegen sich selbst gerichtete Aggression. Die Eheprobleme entstanden, weil sie die Aggression nicht direkt bei ihrem Vorgesetzten ausleben konnte und sie daher auf ihren Mann verschob, der ihr nichts mehr recht machen konnte usw. usw.

Wir können also schlussfolgern: Erstens muss ich wissen, dass es Grundbedürfnisse gibt und zweitens muss ich versuchen, meine Mitarbeiter hinsichtlich dieser Motivlage weitestgehend zu befriedigen. Ich muss also ein „Bedürfnisbefriediger“ sein. (Übrigens hat das jeder gute Verkäufer immer schon gewusst).

Wie erkenne ich nährende bzw. toxische Felder? Wenn ich mich schlecht fühle befinde ich mich in einem toxischen Feld. Aber ich muss es erst einmal wahrnehmen können. Das haben die meisten von uns bereits verlernt. Sie wurden dazu erzogen gut zu funktionieren und haben die Achtsamkeit auf die eigene Bedürfnis- und Befindlichkeitslage nicht mehr eingeübt.

In nährenden Feldern fühle ich mich sicher und geborgen. In toxischen Feldern hingegen ausgegrenzt oder im Stich gelassen. Nährend ist mein Umfeld wenn man mich wertschätzt und anerkennt. Toxisch hingegen bedeutet, dass ich mich klein und minderwertig fühle. Ebenso verhält es sich mit Vertrauen im Gegensatz zu Unsicherheit, Angst oder Einengung. Das Gefühl Einfluss nehmen, mitreden zu können ist wohltuend, bei Misstrauen oder Resignation ist die Atmosphäre vergiftet. Entscheidung vs. Ohnmacht, Faszination und Begeisterung lässt meine psychische Energie wachsen und führt zu Vitalität und Arbeitsfreude. Bei Überforderung hingegen fühle ich mich kraftlos, belastet, demotiviert, niedergeschlagen und krank. Es ist wichtig zu erkennen, ob das mich umgebende Feld – sei es im privaten oder im beruflichen Bereich – auf mich einen nährenden, d.h. belebenden Einfluss hat oder ob es mich schwächt und somit toxisch wirkt. Erfolgreiche Menschen erkennen im allgemeinen schneller als weniger erfolgreiche, wenn ihre Umgebung für sie schädlich ist. Sie versuchen dann entweder die Bedingungen zu ändern oder sie verlassen die für sie ungute Situation. Wichtig ist, dass sie sich nur so kurz wie möglich den ungünstigen Verhältnissen aussetzen. Sie entscheiden sich sehr schnell für eine positive Veränderung, während die weniger Erfolgreichen viel zu lange in einem toxischen Feld ausharren.

Als Vorgesetzter binden Sie Ihre Mitarbeiter an sich, indem Sie das Umfeld „nährend“ gestalten. Das Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ setzt voraus, dass man sich selbst überhaupt wahrnimmt und die eigenen Bedürfnisse liebevoll annimmt.

Erlauben Sie mir Ihnen eine kleine Anregung zur Selbsterfahrung vorzustellen. Ich möchte Sie dazu einladen zu erfühlen wie es Ihnen gerade geht:

Zunächst bitte ich Sie, sich zu sammeln und ganz auf sich und ihre körperliche Befindlichkeit zu konzentrieren. Versuchen Sie nicht zu analysieren, sondern achten Sie nur auf ihren Organismus. Dort gibt es eine wahrnehmende Instanz, die Ihnen signalisiert, ob Sie sich jetzt in angespannter oder angenehmer Stimmung befinden. Wenn Sie innerlich zur Ruhe gekommen sind, stellen Sie sich vor, dass Sie für kurze Zeit alle Belastungen, die Sie mit sich herumschleppen, vor sich abstellen. Bitte stellen Sie sich das bildlich genau vor. Sie sollen Ihren Problemen nicht davonlaufen und sie nicht verdrängen. Sie sollen nur fühlen wie es ist, wenn ein Lastenträger seine Last für eine kurze Ruhepause abstellt. Wie fühlt sich das körperlich an? Bitte beachten Sie nur ihr Körpergefühl. … Sie können sich dieses Gefühl merken, sich immer daran erinnern wie es ist, wenn man für einige Zeit befreit ist. … Sie haben nun Ihre Probleme vor sich stehen. Die Probleme sind nicht Sie selbst! Spüren Sie körperlich die Distanz zwischen Ihnen und Ihren Problemen. Sie können sie nun eines nach dem anderen genauer ansehen und mit dem nötigen inneren Abstand vielleicht auch bearbeiten. – Aber vorläufig atmen Sie tief durch und merken sich das Körpergefühl – sonst nichts! Sie werden Sich danach besser und erfrischt fühlen und spüren, was Achtsamkeit in der Praxis bedeutet.

 

Zitierte und weiterführende Literatur:

Bly, Robert: Die kindliche Gesellschaft. Kindler, München. 1997
Csikszentmihalyi, Mihaly: Optimal Experience. Cambridge University Press. 1988
Cube, Felix von: Besiege deinen Nächsten wie dich selbst.  Piper, München. 1988
Goleman, Daniel: Emotionale Intelligenz. Hanser, München. 1996
Hejj, Andreas: Traumpartner – Evolutionspsychologische Aspekte der Partnerwahl. Springer, Heidelberg, 1996.
Kroschel, Evelyn: Die Weisheit des Erfolges. Kösel, München. 1996
Peters, Thomas, J. and Waterman, Robert H. Jr.: In Search of Excellence. Harper & Row, New York. 1982
Rosenstiel, Lutz von, Regnet, Erika, Domsch, Michael (Hrsg.): Führung von Mitarbeitern. Schäfer-Poeschel, Stuttgart. 1995
Schoch, Anna: Perspektiven für erwachsene Männer. Orell Füssli, Zürich 1997
Schoch, Anna: Perspektiven für erwachsene Paare. Orell Füssli, Zürich, 1998

Einer Sünde Wert

„Die Sünde“ …von der Schuld zum Wahn, von der Sühne zur Therapie
DGPA München 25.-28.10.2001

Das…oder der… oder die… ist schon eine Sünde wert – eine scherzhafte Redensart, nichts weiter?

Schneller Sex in der Besenkammer? – Ist er die Millionenzahlungen wert? Blow-Job im Oval Office, riskiert man dafür das höchste Regierungsamt der Welt?. Oder ganz banal eine Steuerfahndung? (Nach Auskunft der Finanzämter kommen die meisten Anzeigen von enttäuschten Beziehungspartnern).

Wir rechnen munter Wert gegen Sünde auf und was dann unter dem Strich steht, schauen wir uns erst einmal gar nicht an. Bis wir merken, dass diese Rechnung doch nicht aufgehen kann. Weil wir den wesentlichsten Faktor darin nicht berücksichtigt haben: Den Wert der Sünde.

Alle Religionen schreiben in ihrer Weise bestimmte Regulative des Handelns vor. Sie sollen das persönliche- und/oder Gemeinschaftsleben steuern. Der Bruch mit diesen Regeln wird als Sünde begriffen und geahndet. Frömmigkeit in unserem christlich-religiös geprägten Kulturkreis ist aus dem öffentlichen und privaten Leben weitgehend in einen Sonderbereich verschwunden; mit Folgen für die physische und psychische Gesundheit. Dazu später zwei Beispiele.

„Freilich, Sokrates, das tun doch alle, die auch nur ein wenig über gesunden Verstand verfügen: wenn sie am Anfang einer Unternehmung stehen, sei sie klein oder groß, so rufen sie immer Gott an.“(Platon: Timaios 27 a). Nicht nur die Griechen hatten ein enges Verhältnis zu Gott, das durch Gebet aufrecht erhalten wurde; in den sogenannten Stammesreligionen ist nahezu keine Handlung ohne Bezug auf die Sinnmitte des Lebens denkbar. Auch für den Muslim gibt es kein Ereignis, das nicht von Allahs Willen hergeleitet wird. Wo das Verhältnis zu Gott gestört ist, herrscht nach dem Begriff des Alten- und Neuen Testaments Sünde. Heute sind wir nicht mehr gottesfürchtig, halten uns etwas darauf zugute, Gott los zu sein und schließen daraus, hemmungslos sündigen zu können. Und weil es scheinbar alle (auch gerne öffentlich) tun hoffen wir, die Folgen würden uns erspart. Gesellschaftlich gibt es kaum noch Einschränkungen. Man kann auch viermal heiraten und Bundeskanzler werden. Oder als Minister (nicht nur der Bundeswehr) alle Konventionen des guten Scheins vernachlässigen zu können. …Seit dem 11. September gibt es doch hier und dort Zweifel, ob wir mit unserer grenzenlosen Freiheit auch verantwortungsbewusst umgehen.

Der Wert der Sünde zeigt sich erst, wenn wir die Konsequenzen unserer Handlungen erkennen. Der Sündenfall im Paradies mit dem „alles“ begann, war – genau genommen – ein hypnotischer Auftrag von Gott an die Menschen. Er muss die Sünde gewollt haben, als Entwicklungsvoraussetzung vielleicht, oder um die Spannung zwischen den Polen nicht zu vereinbarender Bedürfnisse zu erzeugen, aus deren Widerstreit der „Vater aller Dinge“ kommt. Gerade dadurch, dass der Baum so hervorgehoben wurde, musste das Gebot übertreten werden. Wie sonst hätte die Schlange gesprochen: „Gott weiß, dass welches Tages ihr davon esset, so werden euch eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott, und wissen, was gut und böse ist.“ (1.Mose 3.5). Der Sündenfall ist die Voraussetzung dafür, zwischen Sünde und Nicht-Sünde unterscheiden zu können. Ohne Sünde keine Tugend, keine Engel oder Teufel, kein Himmel oder Hölle, keine Entscheidung für das Eine oder das Andere, keine Spannung, die „die Welt im innersten zusammenhält“. …

Aber: Sünden haben Folgen, es ist ein Preis zu bezahlen, den man vorher noch nicht kennt – oder nicht kennen will. Meist ist die Versuchung so groß, dass man – ganz wie ein Spieler – glaubt mehr zu gewinnen als zu verlieren.

Dabei wissen wir: schon die erste Unbotmäßigkeit wurde mit, Strafe und Fluch geahndet. Es folgt auch typischerweise sofort der Versuch, die Untat zu verheimlichen und die Verantwortung abzuschieben. „Das Weib, das du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum“. (1. Mose 3.12). In der weiteren Folge der Geschichte geschieht auch schon der Brudermord – und so geht es fort bis zur Sintflut: Strafe, Sühne, darauf Vergebung in einem neuen Bündnis, aber dann werden schon wieder neue Sünden begangen, diesmal am Bau, in Babel … und wieder Sünde – Strafe – Sühne! Trotz härtester Bestrafung ging jedoch das Sündigen immer weiter; – und der Fortschritt bekam immer längere Beine. …

Und wie sieht es heute mit den Sünden aus? –

Straft unser Gott, wenn es ihn denn gibt, noch?

Ein von seiner schweren reaktiven Depression genesener Patient fühlt sich in der Lage, seine Medikamente langsam abzusetzen. Im gleichen Verhältnis wird er wacher und unternehmungslustiger. Er nimmt seine Umgebung wieder farbig und anregend wahr, erfreulicherweise ohne die geringsten Anzeichen einer Manie! Er verliebt sich heftig, wird aber von einem Nebenbuhler ausgeschaltet. Das wirft den frisch Genesenen nicht um, denn inzwischen macht ihm eine attraktive Kollegin Avancen. Diese Dame aber fordert von ihm die sofortige Trennung von seiner langjährigen Lebensgefährtin. Er wird unruhig, überfährt mehrmals Ampeln bei Rot, wird wegen zu hoher Geschwindigkeit ertappt und findet sich schließlich eines Nachts auf der Autobahn mit eingeschalteten Warnblinkern auf dem Seitenstreifen wieder, ohne zu wissen, wie er dahin gekommen war. Es war ihm nichts geschehen, er beachtet diese Vorfälle aber als Warnung und beendet das aufreibende Verhältnis.

Nun aber melden sich Gewissensbisse. Er hat als guter Katholik das Bedürfnis zu beichten, sein Pfarrer aber wiegelt ab, das sei heute nicht mehr üblich, die Einzelbeichte sei in seiner Gemeinde weitgehend abgeschafft. Daraufhin will er seiner Lebensgefährtin ein Geständnis machen, wohl in der stillen Hoffnung nun von ihr Absolution zu erhalten, wartet aber noch, denn er fühlt, dass er damit die Beziehung riskiert. Nun flüchtet er sich wieder in seine vertrauten Depressionen. Er lässt sich in einer Luxus-Klinik behandeln, sein Zustand verschlechtert sich jedoch. Darauf liefert er sich selbst in die geschlossene Abteilung einer Psychiatrischen Klinik ein und bleibt dort auf eigenen Wunsch für drei Monate, obwohl er keine Suizid-Impulse verspürt. Er weiß um die Funktionalität seiner „Erkrankung“. Er hat nun einmal das dringende Bedürfnis, in irgend einer Form Busse zu tun. Der Naturfreund opfert einen herrlichen Sommer. Auch beruflich fügt er sich Schaden zu…. Nach einigen Monaten spürt er, dass es nun genug ist. Er fühlt sich befreit. Die Erkenntnis und Anerkenntnis seiner Grenzen waren ihm die Sünden und die Busse wert. Das Bedürfnis, der Partnerin den Fehltritt zu beichten, war geschwunden. Nach nunmehr zwei Jahren ist er mit sich und der Welt wieder vollkommen im Reinen.

Ein etwas komplizierterer Fall betrifft einen Mann, der auf jede neue, immer konfliktbeladene Verliebtheit, mit schwerer Krankheit reagiert und auf diese Weise – wohl unbewusst – drastische Selbstjustiz übt, möglicherweise kompensiert er damit unbewusste Schuldgefühle wegen seiner Unfähigkeit tragende Bindungen zu gestalten.

Während seiner ersten Ehe entsprießt einem, zunächst harmlos erscheinenden Seitensprung, ein Kind. Er reagiert mit Ohnmachtsanfällen, bei denen er sich schwere Kopfverletzungen zuzieht. Es folgen Scheidung, Heirat der Affairenpartnerin und, obwohl diese Ehe von Anfang an problematisch war, weitere Kinder. Dann verliebt er sich aufs Neue. Er lebt in einem Dreiecksverhältnis und kann sich nicht entscheiden seinem Leben eine klare Richtung zu geben. Der Konflikt zwischen „Pflicht und Neigung“, beschert ihm nach seinem Selbstverständnis einen Hirntumor. Nach einer komplizierten Operation erholt er sich schnell, schafft aber in seinen Familienangelegenheiten keine Klarheit, was zu ständigen Spannungen Anlass gibt. Im Laufe von mehreren Jahren entwickelt sich daraufhin eine weitere Krebserkrankung, diesmal inoperabel. Das hindert ihn nicht an weiteren amourösen Abenteuern. Nach langem Leiden und unzähligen Behandlungen wird er von seiner Geliebten verlassen. … Obwohl er schon mehrfach von seinen Ärzten aufgegeben worden war, verbessert sich sein Zustand daraufhin in erstaunlicher Weise. Allerdings stürzt er sich trotz – oder vielleicht auch gerade wegen seiner Krankheit – sofort wieder in Abenteuer. Die neuerlichen Affairen haben von vornherein wieder einen skandalösen, konflikthaften Charakter. Seine Schmerzen und Todesängste erträgt er über alle Jahre hinweg erstaunlich klaglos, mit schwarzem Humor. Irgendwie scheint es, ein Teil seiner Persönlichkeit empfinde Genugtuung über seine persönliche Tragödie. Andererseits bezieht er aus seinem Leiden auch Gewinn. Kein Mensch aus der näheren oder ferneren Umgebung übt Kritik, denn einem Todgeweihten gesteht man jede Torheit zu.

Die fehlende transzendentale Verankerung fordert ihren Preis. Inzwischen ist der Patient zwar bereit, auch psychische Mechanismen als Mitauslöser seiner schweren Erkrankungen anzuerkennen, dennoch ist er nach wie vor überzeugt, dass er in einem neuen Leben, – wenn es ihm gewährt würde, – nichts anders machen würde. Er unterschätzt dabei jedoch das Sühnebedürfnis seiner Seele. Lieber bezahlt er mit seinem Leben, als Einstellung und Verhalten zu ändern. Er hält es mit Friedrich Nietzsche, der zur „Fröhlichen Wissenschaft“ reimt: „Schmale Seelen sind mir verhasst: da steht nichts Gutes, nichts Böses fast.“ …

(„Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker!“)

 

Nietzsche, Friedrich: Sämtliche Gedichte. Manesse Verlag, Zürich
Platon, Timaios, 27a, Jubiläumsausgabe Zürich, 1974
Ratschow, Carl Heinz: Von der Frömmigkeit. In Ratschow, C. H. (Hrsg.) Ethik der Religionen. Kohlhammer, Stuttgart. 1980

Das Bild des älteren Menschen in unsere Zeit

DGPA Jahrestagung 24. 10. –27. 10.  2002
Leopold-Franzens-Universität. Innsbruck

Bilder sagen mehr als tausend Worte:

Die Bildsprache transportiert Werte und Unwerte, die anderweitig so eindrücklich und so schnell nicht zu vermitteln sind. Unsere Medienschaffenden suchen nach Bildern, die einen möglichst hohen Erregungswert besitzen. Sie wissen, dass sie damit auch etwas in die Betrachter hinein-bilden, aber dabei ist es scheinbar gleichgültig, ob eine positive oder unheilvolle Wirkung von den Bildern ausgeht.

Maßstab für die Bildauswahl ist der Preis, der geboten wird. Je stärker der „Aufreger“, wie es im Boulevardpresse-Jargon heißt, umso mehr wird bezahlt. Jeder, der mit Erziehung zu tun hat weiß, dass schlechte Vorbilder gerne nachgeahmt werden. Sie senken die Hemmschwelle für das eigene Tun.

Unsere Vorfahren waren daran interessiert, ein möglichst gutes Bild von sich in der Öffentlichkeit abzugeben, eine „bella figura“ – oder ein gutes Image, wie es neudeutsch heißt. Diese Persona oder Maske, hinter der sich der wahre Mensch verbirgt, durch die er hindurch „tönt“ (personare), wurde mit allen Mitteln verteidigt und aufrecht erhalten. Der „Gesichtsverlust“ ist – in anderen Kulturvölkern auch heute noch – schlimmer als der Tod. Dies muss Gründe haben.

Die Gründe haben wohl etwas mit Kontinuität, Familie und Gesellschaft zu tun, mit der Erziehung der Nachkommen und mit dem Erhalt der jeweiligen Kultur.

Bilder sind auch Ge-bilde, sie unterliegen Moden. Der Zeitgeist, der früher von der Kirche und/oder der jeweiligen Herrscherklasse geprägt wurde, wird heute von Medien erzeugt und diese wiederum richten sich bei der Auswahl ihrer Themen ausschließlich nach dem augenblicklichen geldwerten Vorteil.

Bilder sind für kommerzielle Vermarktung gut einsetzbar. Sie wirken schneller als Schrift, sie sind beliebiger interpretierbar, und insofern verlangen sie weniger konkretes Nachdenken – weder beim Leser, noch beim Journalisten. Sie sind auch vielfältiger einsetzbar, weil ihre Veröffentlichung nicht durch Text verantwortet werden muss.

Bild und Vorbild werden für Reklameflächen, von Fernsehsendern und der Boulevard- bzw. Yellow-Press erzeugt. Sie bestimmen, was „in“ oder „out“ ist. Sie dürfen auf keinen Fall die Normalität abbilden; das wäre langweilig, würde eigene Geistesarbeit erfordern. Dies gilt heute, in der Zeit der Computerverfälschung noch mehr als je zuvor. Man darf kaum noch einem Bild trauen, weil das, was früher in Ausnahmefällen nur durch Spezialisten mühevoll retuschiert werden konnte, heute von jedem PC aus fast beliebig verändert werden kann.

Statische Selbstinszenierung, wie wir sie von gemalten oder fotografischen Portraits her kennen, besitzen kaum den geforderten Erregungswert. Portraits verlangen Betrachtung, nach-denken, Überlegungen darüber, wer hier abgebildet ist. Portraits sind keine „Hingucker“, die man flüchtig wahrnimmt. Oder doch?

Das öffentliche Bild des älteren Menschen, ist in unseren Tagen leider kein gutes; – dies wirkt sich negativ auf die Lebensqualität der älteren Generation aus, ebenso wie auf die Jugend und deren Vorstellung von der Welt der Erwachsenen.

Wie verhält es sich nun mit den älteren Menschen, wer gehört dazu?

Etwa ein 40-jähriger Manager, der gerade mit einer hohen Abfindung für sein wirtschaftliches Scheitern grandios belohnt wurde? Oder ein 50-jähriger Arbeitsloser, der untätig herumsitzt? Ein 60-jähriger Playboy, der mit einem 25-jährigen Model in der Öffentlichkeit prahlt? Der 70-jährige Bild-Chef, der stolz seinen erstgeborenen Säugling präsentiert?

Eine 40-jährige Ehefrau, die sich in Töpfer- und Malkursen auf Sinnsuche begibt? Die 50-jährige Großmutter, die durch ergebenste Übernahme aller Hausarbeiten bei den Kindern versucht, ihre Daseinsberechtigung zu erhalten? Die 60-jährige, die im Wander- und Kegelclub mit gleichgesinnten Freunden ihren (Un)-Ruhestand bekämpft,– oder die 70-jährige, die mit ihren Ersparnissen den Enkel ködert und über ihre Unpässlichkeiten die Verbindung zu den Kindern hält?

Wer von diesen „erwachsenen“ Personen kommt ins Bild der Öffentlichkeit und hat damit Vorbildfunktion?

Über den Manager mit der hohen Abfindung wird nur so lange berichtet, wie man sich darüber öffentlich empören kann. Später vielleicht noch einmal, wenn er sich mit der Jeunesse dorée auf seiner Yacht sonnt und vielleicht, wenn die aktuelle Ehefrau eine ungewöhnlich hohe Abfindung bei der Scheidung verlangt. Solche Bilder bleiben im Gedächtnis junger Mädchen haften, sie lernen daraus, dass es heute schon für einen „Prominentenstatus“ genügt, die verflossene Geliebte oder der Begleiter eines Medienlieblings zu sein.

Der Arbeitslose wird als Individuum kaum wahrgenommen. Wen interessiert schon ein alltägliches Schicksal? Öffentlichkeitswirksam ist jedoch der alternde Playboy, der aller Welt zeigt, dass er sich einen blonden Harem leisten kann. Der 70-jährige „Jung-Vater“ gibt vergreisenden Herren, die von ihrem Eroberungstrieb noch nicht Abschied nehmen konnten, neue Hoffnung.

Die 40-jährige versucht vielleicht über Politik etwas Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, sie wird jedoch auch kaum zum „Hingucker“. Die 50-jährige verschwindet aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit. Ihr fehlt aller Glamour und auch alles Spektakuläre, wonach eine Mediengesellschaft verlangt. Sie ist es zwar, die noch die Struktur der Familie aufrecht erhält, aber von ihr nimmt man keine Notiz. Die 60-jährige ist ebenso uninteressant, wie die 70-jährige; die höchstens als künftige (aber aktuell lästige) Erbquelle innerhalb der Familie ihren Platz hat. (Ausnahme: wenn sie vom ungeduldigen Enkel erschossen wird, weil sie droht, das Geld einer gemeinnützigen Institution zu vermachen. Dann allerdings kann sie sich kurzfristig  einer gewissen Anteilnahme sicher sein; – mehr jedoch noch ihr Mörder.)

Ist ein solches öffentliches Bild als Vorbild für die nachfolgende Generation zu gebrauchen? Wenn man junge Leute fragt, ob sie Vorbilder haben, so bejahen sie dies häufig. Ob diese aber nützlich und sinnvoll sind, muss bezweifelt werden.

Um Aufmerksamkeit zu erheischen, werden die Selbstinszenierungen (auch und gerade der Älteren) immer bizarrer. Aufmerksamkeit bekommt, wer sich möglichst verrückt in Szene setzt. Seitenweise wird über den ständig betrunken Entertainer berichtet, der mit einer Jugendlichen tagelang im Hotelzimmer eingeschlossen blieb, und sich mit der Halbnackten auf dem Schoß im Bademantel von der Presse ablichten lässt; den liebestollen Minister, der mit seiner Geliebten im Schwimmbecken planscht. Die alternde Society-Lady, die sich ihren Latin-Lover hält, wie andere Leute einen extravagant getrimmten Pudel.

Tugenden, wie z.B. unauffällige Pflichterfüllung, die früher ein gutes Mitglied der Gesellschaft auszeichneten, Zurückhaltung, sind heutzutage uninteressant. Man bekennt sich lieber breit und öffentlich zu seinen Schwächen und Obsessionen.

Nach wie vor üben Stars eine starke Wirkung auf die Allgemeinheit aus. Das betrifft nicht nur die Mode, sondern auch das Verhalten. Insofern waren die Film-, Sport- und Musikgrößen der 50er-Jahre immer auf ein gutes Image bedacht und darauf, möglichst keine Skandale zu verursachen. Sie waren sich noch ihrer Vorbildfunktion bewusst; und wenn sie es selbst nicht schafften, so hielt sie ihr Manager von größeren Dummheiten ab und sorgte für eine diskrete Presse.

Das ist heute ganz anders geworden: Ist der Rolling-Stones-Chef Mick Jagger ein Vorbild, dem man nacheifern sollte? Der britische Weltstar Hugh Grant, – jenseits der Vierzig -, antwortet in einem SPIEGEL-Interview auf die Frage, ob er denn partout nicht erwachsen werden wolle mit: „… das ist so ziemlich das Letzte, was ich will.“ Oder wären etwa Politiker Vorbilder, die meist nur dann ins Bewusstsein gerückt werden, wenn sie sich gravierende Entgleisungen geleistet haben? Sind unsere Tatort-Kommissare nicht etwa so in Szene gesetzt, dass man annehmen könnte, es gäbe nur überreizte Beamte, die durch besonders schlechte Manieren auffallen? Sind ihre Chefs tatsächlich nur arrogante Trottel? Lautet die Botschaft in diesem Fall nicht: wer Chef ist und Verantwortung trägt, ist autoritär, unfähig und charakterlos?

Kurz gesagt ergibt sich aus Presse, Funk und Fernsehen heutzutage folgendes Bild: Männer sind machtgierige, weibertolle, korrupte Narren, Frauen sich permanent prostituierende, geldgierige Luder. Sind das die Vorbilder?

Robert Bly spricht von der „Kindlichen Gesellschaft“. Vielleicht sollte man sie besser „kindisch“ nennen.

Es ist höchste Zeit, dass die älteren Menschen sich wieder richtig ins Bild setzen. Dass sie den guten Anschein geben, dass sie sich um ihr Image bemühen, selbst wenn dahinter vielleicht nicht alles so wunderbar aussieht. Jeder weiß, dass wir Idealbilder zumindest anstreben sollten. Erreichen werden wir sie nie; aber wir können wenigstens so tun, „als ob“ … . Das ist allemal besser, als die andauernde öffentliche Selbstdemontage, die Anbiederung an die Jugend, die nur mit Wut und Vandalismus quittiert wird.

Jugend verlangt nach Vorbildern! Wenn wir sie nicht herzugeben bereit sind, flüchtet sie sich noch mehr in ihre Scheinwelt der Discos, der Drogen, – und sie erlebt das Erwachsensein als wert- und sinnlos.

Es ist wichtig, dass wir uns von uns wieder ein gutes Bild machen. Jahrzehnte lang wurde der ältere Mensch verhöhnt, verachtet und gedemütigt, mit den entsprechenden Folgen für das eigene Selbstwertgefühl. Die Jugend wird und wurde glorifiziert. Die Alten sind so verunsichert, in ihrer Selbstverachtung so verankert, dass sie ihr Vor-bild  nur noch in ihren eigenen Kindern zu finden glauben; (nicht – wie es tatsächlich der Fall ist, ihr Nach-bild). Damit aber wird die Jugend überfordert.

Woher soll ein junger Mensch wissen, wie die Mutter in ihrer Ehekrise handeln soll? Wie kann der Sohn seinem Vater Vorschriften bezüglich seines Verhaltens machen? Dies geschieht täglich, mit verheerenden Folgen für alle Beteiligten. Das Generationenverhältnis hat sich ins Absurde verkehrt: Kinder als Erzieher ihrer Eltern, Eltern ohne Orientierung für sich selbst, ohne eigene Wertvorstellungen! Lehrer, die ihren Kindern keine moralische Instanz sein wollen. Wir erleben den Autoritätsverlust jeden Tag, intern und öffentlich – und wir erleben den verständlichen Zynismus der Jungen.

„Der Mensch wurde gewiss keine siebzig und achtzig Jahre alt, wenn diese Langlebigkeit dem Sinn seiner Spezies nicht entspräche. Deshalb muss auch sein Lebensnachmittag eigenen Sinn und Zweck besitzen und kann nicht bloß ein klägliches Anhängsel des Vormittags sein “ (C. G. Jung, GW VIII)

Der Sinn im Leben, die Aufgabe des älteren Menschen ist es, der jüngeren Generation Vorbild zu sein, ihr Orientierung im Leben zu geben. Das bedeutet vor allen Dingen selbst vorbildlich zu leben und zu handeln, gerade in der äußeren Erscheinung, dem Bild.

Das klingt nach Predigt. Wahrscheinlich haben wir sie nötig, damit wir uns wieder be-sinnen und nicht von Sinnen kommen, wegen der Bilderflut, der wir kaum noch gewachsen sind. Vielleicht bräuchte es wieder einmal einen Bildersturm. Vielleicht sollten wir uns weniger ein Bild machen – sondern ein Vorbild abgeben. Damit könnten wir sogar dem weit verbreiteten Gefühl der Sinnlosigkeit ein Schnippchen schlagen.

 

Literatur:

Bly, Robert: Die kindliche Gesellschaft: über die Weigerung erwachsen zu werden. München, Kindler 1997
Schoch, Anna: Perspektiven für erwachsene Männer, Zürich, Orell Füssli, 1997
DER SPIEGEL: Hamburg, S. 150, ff, 33/2002

Max Weber

Vortrag in Graz DGPA 13.-16. Oktober 1994

Die protestantische Ethik oder die
Entwicklung des modernen Kapitalismus

(Anmerkungen zu Max Weber 1864 – 1920)

Wir leben in der Zeit eines allgemeinen Orientierungsverlustes, ohne dass neue allgemein akzeptierbare Werte im Sinne einer kohäsionsstiftenden Wirkung für die Gesellschaft erkennbar wären. Sicherlich stellt einen Wert heutzutage eine feste Anstellung oder ein Kapitalvermögen dar. Früher hochgeschätzte Prestigeerhöhungen, wie z. B. der Titel eines Professors, kulturelle, religiöse oder ideelle Werte, gibt es in unserer Zeit fast nur noch in Form von vermarktungsträchtigen sogenannten Kultgegenständen, womit ein Modeartikel gemeint ist, nicht etwa ein Kulturgegenstand. Die Begriffe Kult und Mode vermischen sich – und am Ende bleibt wieder die Frage nach den kulturellen Werten, die beliebig geworden sind wie Konsumgüter.

Wir bilden uns viel auf eine multikulturelle Gesellschaft ein – bestimmte Statusgruppen glauben sogar, damit eine gewisse Weltläufigkeit beweisen zu können. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich diese Multikultur aber als eine Desorientierung in Bezug auf die Werte, nach denen wir uns zu richten haben, als Zeichen der Endphase einer bestimmten Kultur. In unserem Fall ist dies die Kultur des sogenannten „modernen Kapitalismus“, wie ihn Max Weber beschrieben hat.

Max Weber ist uns Münchnern vor allem durch das unvergessliche Lied des Kabarettisten Weiß-Ferdl von dem (Nachkriegs-Trambahn-) Wagen der Linie 8 bekannt, in dem eine alte Dame außerordentlich hartnäckig immer wieder den vielbeschäftigten Schaffner nach dem Max-Weber-Platz fragt und ihn damit an den Rand eines Nervenzusammenbruchs treibt.

Es lohnt sich jedoch, etwas mehr über diesen allzu früh verstorbenen großen Denker zu erfahren, hatte er doch eine äußerst scharfsinnige Analyse unserer Kultur vorgelegt, die sich vom Marxismus abhob und einerseits aus diesem Grunde viele Jahre bei den europäischen Intellektuellen verpönt war, andererseits auf dem Umweg über Amerika nun doch wieder bei uns gelandet ist. Denkerische Klarheit setzt sich – auf lange Sicht – eben doch durch.

Das Thema, das Max Webers Lebenswerk bestimmte, war die Entstehung und Auswirkung des modernen Kapitalismus. In seinen Aufsätzen zur Religionssoziologie vertritt er die These, dass das Alltagshandeln des Menschen (bewusst oder unbewusst) von seinen „letzten Werten“ bestimmt ist und damit die „Kulturerscheinungen des Okzidents“ in ihrer Besonderheit hervorbringt.

Weber geht davon aus, dass alle Religionen sittliche Anweisungen für weltliches Handeln – auch wirtschaftliches Handeln – geben, gleichgültig, ob dafür von den jeweiligen Religionsstiftern direkte Anweisungen kommen oder nicht. Es geht ihm also in erster Linie um Alltagsethik, da diese dem Individuum die Werte vermittelt, denen es sich – da es in dieses Wertesystem hineingeboren wird – nicht entziehen kann.

In der „Vorbemerkung“ zu den Gesammelten Aufsätzen zur Religionssoziologie formuliert er seine Fragestellung, die sich auf eine Universalgeschichte der Kultur bezieht: “Welche Verkettung von Umständen hat dazu geführt, dass gerade auf dem Boden des Okzidents, und nur hier, Kulturerscheinungen auftraten, welche doch – wie wenigstens wir uns gern vorstellen – in einer Entwicklungsrichtung von universeller Bedeutung und Gültigkeit lagen?“ (S.1). Er stellt also die Frage nach dem kulturellen Hintergrund des modernen Kapitalismus, insbesondere nach seinen irrationalen Anteilen, und warum dieser eine fast ausschließlich okzidentale Leistung ist. „Wissen und Beobachtung von außerordentlicher Sublimierung hat es auch anderwärts, vor allem in Indien, China, Babylon, Ägypten, gegeben. Aber: Der babylonischen und jeder anderen Astronomie fehlte … die mathematische Fundamentierung, die erst die Hellenen ihr gaben. Der indischen Geometrie fehlte der rationale Beweis (und) das rationale Experiment. … Für eine rationale Rechtslehre fehlen anderwärts … die streng juristischen Schemata und Denkformen des römischen und des daran geschulten okzidentalen Rechtes.“ (S.1-2). „Ähnliches gilt für die Kunst und alle Kulturerscheinungen des Abendlandes wie die Presse und die Universitäten mit ihrem „rationalen und systematischen Fachbetrieb der Wissenschaft: Das eingeschulte Fachmenschentum …“ (S.3).

Weber vergleicht die großen Weltreligionen und die ihnen zugrundeliegende Ethik, um zu erklären, warum sich kulturelle Merkmale in eine ganz bestimmte Richtung entwickelt haben. Dabei schließt er von politischen und geographischen Besonderheiten auf eine entsprechende Empfänglichkeit für bestimmte religiöse Ideen, die je nach den vorhandenen Gegebenheiten die Chance hatten, sich zu entwickeln. Die Entstehung von Religionen ist nach Max Weber also nicht zwangsläufige Folge einer besonderen politischen Konstellation, sondern bietet bestimmten sozialen Statusgruppen die Möglichkeit, sich in Konkurrenz zu anderen durchzusetzen oder auch zu scheitern. Weber arbeitet die Besonderheiten der protestantischen Ethik im Vergleich zu anderen Religionen heraus. Seine Methode ist der sogenannte idealtypische Vergleich. Unter dem Idealtypus versteht er eine nicht in der Wirklichkeit vorkommende, überzeichnete Ausprägung einer bestimmten Eigenart, ähnlich einer Karikatur. Aus diesem so scharf akzentuierten Bild werden die Unterschiede der verschiedenen Religionstypen herausmodelliert. Er übersieht dabei nicht, dass religiöse Ideen auch als Antwort auf materielle und ideelle „Interessen identifizierbarer sozialer Gruppen“ verstanden werden können (S. 274). Die Durchsetzung einer religiösen Idee verlangt nach seiner Ansicht Berührungspunkte mit der jeweiligen Struktur der Gesellschaft. Dies bedeutet, dass das Werk der Religionsgründer nur andauert, solange es von Menschengruppen, nicht nur von einzelnen, getragen wird.

In seinem wohl bedeutendsten Aufsatz „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ befasst Weber sich vorwiegend mit dem protestantischen Charakter des Kapitalbesitzes und Unternehmertums (S. 18). Dabei geht er von einer Studie seines Schülers Martin Offenbacher aus, der die wirtschaftliche Lage der Katholiken und Protestanten in Baden im Jahre 1901 untersucht hatte. Aufgrund dieser Studie und weitergehender Untersuchungen konnte Max Weber herausarbeiten, dass ein wesentliches Charakteristikum der Sozialethik der kapitalistischen Kultur die Berufspflicht ist. Der Gedanke „Beruf als Berufung“ ist ein „Produkt der Reformation“, nämlich Pflichterfüllung innerhalb der weltlichen Berufe als höchster sittlicher Inhalt. Der kapitalistische Geist konnte nur unter dem Einfluss der Reformation entstehen, allerdings als eine ungewollte Folge ihrer religiösen Inhalte.

Zur Veranschaulichung dieser inneren Einstellung zitiert Weber aus Benjamin Franklins „Anleitung junger Kaufleute“:

„Bedenke, dass die Zeit Geld ist; wer täglich 10 Schillinge durch seine Arbeit erwerben könnte und den halben Tag spazieren geht, der darf, auch wenn er nur 6 Pence für sein Vergnügen ausgibt, nicht dies allein berechnen, er hat neben dem noch 5 Schilling ausgegeben oder vielmehr weggeworfen.

Bedenke, dass Kredit Geld ist. Lässt jemand sein Geld, nachdem es zahlbar ist, bei mir stehen, so schenkt er mir die Interessen …

Bedenke, dass Geld von einer zeugungskräftigen und fruchtbaren Natur ist. Geld kann Geld erzeugen, und die Sprösslinge können noch mehr erzeugen und so fort. 5 Schilling ausgeschlagen sind 6, wieder umgetrieben 7 Schilling 3 Pence und sofort … . Wer ein 5-Schilling-Stück umbringt, mordet (!) alles, was damit hätte produziert werden können …“

In dieser „Anleitung“ handelt es sich nicht nur um Lebenstechnik oder Geschäftsklugheit, hier wird eine Ethik gepredigt, deren Verletzung nicht nur als Torheit, sondern als Kapitalverbrechen (Mord am 5-Schilling-Stück) behandelt wird. Weber interessiert sich für das Ethos dieser Lebensführung, in dem er den „Geist des Kapitalismus“ sieht, wobei nur vom westeuropäisch-amerikanischen Kapitalismus die Rede ist, denn auch anderenorts und zu früheren Zeiten gab es bereits „Kapitalismus“ – er hatte jedoch nicht jenes eigentümliche Ethos. „Der Mensch ist auf das Erwerben als Zweck seines Lebens, nicht mehr das Erwerben auf den Menschen als Mittel zum Zweck der Befriedigung seiner materiellen Lebensbedürfnisse bezogen.“

Mit seiner Methode der idealtypischen Beschreibung schildert Weber den Menschen, der dieses Ethos lebt, in etwa folgendermaßen: Er stellt seinen Reichtum nicht zur Schau, genießt seine Macht nicht bewusst, und gesellschaftliche Anerkennung ist ihm eher unbequem. Damit trägt seine Lebensführung einen gewissen asketischen Zug an sich. Dieser Idealtyp hat für seine eigene Person nichts von seinem Reichtum, außer der irrationalen Empfindung guter „Berufserfüllung“. Für den präkapitalistischen Menschen erscheint diese Lebensführung unfasslich und im Grunde genommen verachtenswert und schmutzig. Der Zweck einer Lebensarbeit, belastet mit Geld und Gut ins Grab zu sinken, scheint diesem nur „als Produkt perverser Triebe“ erklärlich.

Die Einstellung, den Beruf als Berufung, Pflichterfüllung als höchsten sittlichen Inhalt aufzufassen, ist – wie gesagt – ein „Produkt der Reformation“. Erst bei Calvin und den puritanischen Sekten (nicht bei Luther und schon gar nicht in der katholischen Kirche) findet Weber den „überlegenen Geist“ für die okzidentalen Kulturerscheinungen. Wichtig ist jedoch dabei, dass er nicht „töricht-doktrinär“ behauptet, der Kapitalismus sei ein ausschließliches Erzeugnis der Reformation. Nach seinen Erkenntnissen sind wichtige Formen des kapitalistischen Wirtschaftssystems „notorisch erheblich älter, als die Reformation“; ob und wieweit indessen „religiöse Einflüsse bei der qualitativen Prägung und quantitativen Expansion jenes Geistes über die Welt“ mitbeteiligt waren und welche konkreten Seiten der kapitalistischen Kultur auf jenes Ethos zurückgehen, ergründet Weber in virtuoser Weise.

Dabei wendet er sich dem calvinistischen Dogma der „Gnadenwahl“ zu, dem Kern der sogenannten „Prädestinationslehre“. Danach hat das menschliche Leben keinen anderen Sinn, als den der Verherrlichung Gottes. Ein Teil der Menschen ist als selig, ein anderer als verdammt von Gott vorbestimmt, und kein Verdienst oder Verschulden kann an Gottes absolut freien Entschlüssen etwas ändern. Die „pathetische Unmenschlichkeit“ einer solchen Lehre hat in Webers Augen das „Gefühl einer unerhörten inneren Vereinsamung des einzelnen Individuums“ zur Folge. Mit den Auswirkungen dieser Lehre: „kein Prediger, kein Sakrament, keine Kirche, in der letzten Konsequenz: kein Gott“ (S. 94) ist in den Augen Webers der Abschluss „jenes großen religionsgeschichtlichen Prozesses der Entzauberung der Welt (erreicht), welcher mit der altjüdischen Prophetie einsetzte und, im Verein mit dem hellenischen wissenschaftlichen Denken, alle magischen Mittel. der Heilssuche als Aberglauben und Frevel verwarf“ (S. 94 f.). Hier findet sich „eine der Wurzeln jenes illusionslosen und pessimistisch gefärbten Individualismus, wie er in dem ´Volkscharakter` und den Institutionen der Völker mit puritanischer Vergangenheit sich noch heute auswirkt“ (S.95,f) Selbst die Nächstenliebe hat bei dieser inneren Einstellung, da sie ja nur Arbeit „in majorem Gloria Dei“ ist und nicht als Dienst an der Kreatur begriffen wird, sachlich-unpersönlichen Charakter. Weber fragt, wie eine solche Lehre ertragen werden konnte in einer Zeit, der das Jenseits wichtiger und in vieler Hinsicht auch sicherer war als alle Interessen des diesseitigen Lebens. Daher musste sich der einzelne fragen: „Bin ich erwählt? Und wie kann ich dieser Erwählung sicher werden“? Denn die Erwählten unterschieden sich ja äußerlich durch nichts von den Verworfenen. Einzig das beharrlich gläubige Vertrauen auf dieses „finaliter“ hin macht somit das Leben erträglich. Die Erwählten sind dadurch Gottes unsichtbare Kirche, was für die Praxis bedeutete, dass es Pflicht war, sich für erwählt zu halten. Andererseits wurde die Selbstgewissheit durch rastlose Berufsarbeit am ehesten erlangt. „Sie, und sie allein, verscheuche den religiösen Zweifel und gebe die Sicherheit des Gnadenstandes“(S.105, f.) – ganz wie unser moderner Workaholic, der die Sinnfrage mit rastloser Tätigkeit verscheucht. Diese Einstellung führte zu ständiger Selbstkontrolle und einer planmäßigen Reglementierung des Lebens (morgens Joggen, mittags Geschäftsessen, abends 30 Minuten Beziehungsarbeit mit der ebenfalls berufstätigen Ehefrau, 15 Minuten für die Kinder, Tagesschau, Akte wälzen, Dienstag Fitness, Mittwoch Squash mit dem Vorgesetzten, Aktiv-Urlaub, Rotary-Club usw. usw.). Weber fasst diese Reglementierung des Lebens unter dem Begriff der „innerweltlichen Askese“ zusammen im Gegensatz zur mönchischen Askese, die aus dem Alltagsleben hinausdrängte. Damit trat an die Stelle der geistlichen Aristokratie eine durch Gott von Ewigkeit her prädestinierte Aristokratie von Heiligen in der Welt. Diesem Gottesgnadentum war angesichts der Sünden der Nächsten nicht nach Hilfsbereitschaft im Bewusstsein der eigenen Schwäche zumute, sondern nach Hass und Verachtung gegen ihn als Feind Gottes, der das Zeichen ewiger Verwerfung an sich trägt.

Die puritanische Berufsidee wirkt sich insofern auf das Erwerbsleben aus, als der Gnadenstand nicht durch „magisch-sakramentale Mittel“ oder Entlastung in der Beichte oder andere fromme Leistungen erlangt wurde, sondern ausschließlich durch die Bewährung in einem spezifisch gearteten Lebensstil. Daraus folgte der Antrieb zur methodischen Kontrolle des Gnadenstandes in der Lebensführung und deren asketischer Durchdringung. Daher die rationale Gestaltung des gesamten Daseins. Diese Leistung wurde jedem zugemutet, der selig werden wollte – was bisher nur von Mönchen verlangt wurde, also außerhalb des normalen Weltgeschehens. „Die innerweltliche protestantische Askese … wirkte also mit voller Wucht gegen den unbefangenen Genuss des Besitzes, sie schnürte die Konsumtion, speziell die Luxuskonsumtion, ein. Dagegen entlastete sie im psychologischen Effekt den Gütererwerb von den Hemmungen der traditionalistischen Ethik, sie sprengte die Fesseln des Gewinnstrebens, indem sie es nicht nur legalisierte, sondern direkt als gottgewollt ansah.“ So wurde durch den asketischen Sparzwang Kapital gebildet, dessen „säkularisierende Wirkung“ Weber aber nicht entging (die erste Generation schafft das Kapital, die zweite versucht, es noch recht und schlecht zu erhalten, und die dritte verpraßt es. – Unsere Generation scheint mit den angesammelten Ressourcen – auch den immateriellen – sehr leichtsinnig umzugehen). Zum Schluß noch einmal Max Weber im Original:

„Indem die Askese aus den Mönchszellen heraus in das Berufsleben übertragen wurde und die innerweltliche Sittlichkeit zu beherrschen begann, half sie an ihrem Teile mit daran, jenen mächtigen Kosmos der modernen, an die technischen und ökonomischen Voraussetzungen mechanisch-maschineller Produktion gebundenen Wirtschaftsordnung zu erbauen, der heute den Lebensstil aller einzelnen, die in dies Triebwerk hineingeboren werden – nicht nur der ökonomische Erwerbstätigen -, mit überwältigendem Zwange bestimmt und vielleicht bestimmen wird, bis der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist. `Nur wie ein dünner Mantel, den man jederzeit abwerfen könnte`, sollte nach Baxters (anglikanischer Pfarrer 1615-1691) Ansicht die Sorge um die äußeren Güter um die Schultern seiner Heiligen liegen. Aber aus dem Mantel ließ das Verhängnis ein stahlhartes Gehäuse werden. Indem die Askese die Welt umzubauen und in der Welt sich auszuwirken unternahm, gewannen die äußeren Güter dieser Welt zunehmende und schließlich unentrinnbare Macht über den Menschen, wie niemals zuvor in der Geschichte. Heute ist ihr Geist – ob endgültig, wer weiß es? – aus diesem Gehäuse entwichen. Der siegreiche Kapitalismus jedenfalls bedarf, seit er auf mechanischer Grundlage ruht, dieser Stütze nicht mehr. … Niemand weiß noch, wer künftig in jenem Gehäuse wohnen wird und ob am Ende dieser ungeheuren Entwicklung ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale stehen werden, oder aber – wenn keines von beiden – mechanisierte Versteinerungen, mit einer Art von krampfhaftem Sich-wichtig-Nehmen verbrämt. Dann allerdings könnte für die `letzten Menschen` dieser Kulturentwicklung das Wort Wahrheit werden: `Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz: Dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschtums erstiegen zu haben`“ (203, f.).

Noch leben wir von den geistigen Ressourcen unserer älteren Mitmenschen – sie beginnen aber natürlicherweise zu versiegen. Da unsere religiösen Lebensinhalte nach der leider allzu wahr gewordenen Prophezeiung Max Webers (das Zitat stammt aus dem Jahre 1920!) inzwischen kaum noch vorhanden sind, steht bedrohlich eine andere Kultur und Religion buchstäblich Gewehr bei Fuß: der Islam, die jüngste der großen Weltreligionen. Vielleicht könnte uns diese beängstigende Vorstellung dazu veranlassen, uns wieder auf unser kulturelles Erbe als Europäer zu besinnen. In Europa ist ja schließlich nicht nur der Calvinismus zu Hause, sondern Gott sei Dank auch ein sittlicher Konsens, der seine Wurzeln in der Ganzheit unserer griechisch-römischen, jüdischen und christlichen Geschichte hat, zu der auch noch etwas byzantinische und islamische Kultur gehört. Diese multikulturelle Durchdringung Europas mit ihren ganz spezifischen (ursprünglich monarchistischen) Ausprägungen müsste dem Islam einen Geist entgegensetzen können, der eine neue, überlegene Ethik schafft, die in unsere Zeit passt.

 

Literatur:

Weber M (1920) Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie. I. (8., photomechanisch gedruckte Auflage. Tübingen: J.C.B. Mohr, 1986)

Wahnwelten

Jahrestagung DGPA 2010 in München

Unsere alltäglichen Wahnbildungen mit Hilfe der Medien

Wahn, Wahn!
Überall Wahn!
Wohin ich forschend blick’
in Stadt- und Welt-Chronik,
den Grund mir aufzufinden,
warum gar bis aufs Blut
die Leut sich quälen und schinden
in unnütz toller Wut!
Hat keiner Lohn
noch Dank davon:
in Flucht geschlagen,
meint er zu jagen;
hört nicht sein eigen
Schmerz Gekreisch,
wenn er sich wühlt ins eigne Fleisch,
wähnt Lust sich zu erzeigen.
Wer gibt den Namen an?
´s bleibt halt der alte Wahn,*
(Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg.)

Was ist nur aus ihm geworden, dem „alten Wahn“?

Während ich hier spreche, werden auf der ganzen Welt Milliarden Klicks zu Informationen führen, die wir nicht mehr durch eigenes Denken gewinnen, sondern die ein elektronisch gesteuertes Rechenprogramm aufgrund von Milliarden Daten zu einer Gewissheit zusammenfügt, die wir so, wie sie der PC ausrechnet, hinnehmen müssen, denn wir selbst können während unserer kurzen Lebensspanne eine derart komplexe  Informationszusammenfügung nicht erbringen.

Dies führt einerseits zu einer explosionsartigen Vermehrung von Wissen, das nicht mehr in unseren Köpfen existiert, sondern extern in einem riesigen Wissensraum ausgelagert ist, andererseits beraubt uns die Computer-basierte Gewissheit unserer eigenen Intuition und Kreativität – was mich zum Thema meines Vortrags gebracht hat:

„Unsere alltäglichen Wahnbildungen mit Hilfe der Medien.“

Beginnen möchte ich mit einem Zitat von C.G. Jung:

„Die Hybris des Bewusstseins will aber, dass alles aus dem Primat des Bewußtseins hergeleitet wird, wo es doch selber nachweisbar aus einer älteren unbewussten Psyche entsteht. Die Einheit und Kontinuität des Bewusstseins ist (…) eine so junge Erwerbung, dass immer noch die Furcht besteht, sie könnte wieder verloren gehen.“ (Jung, Ges. Werke, 10, S. 482, § 836)

Die Massenmedien, Rundfunk, Fernsehen und vor allem das Internet, gewinnen einen Einfluss auf unser Leben, wie dies bis vor wenigen Jahren noch undenkbar war.

Ein kleiner Vorgeschmack auf das, was uns erwartet, wurde bereits schon 1938 spürbar, als Orson Welles mit seinem Hörspiel „The War of the Worlds“ in New York und New Jersey eine Massenpanik auslöste, obwohl das Werk von H. G. Wells eigentlich als Satire gedacht war und obwohl das Hörspiel am Abend vor Halloween gesendet wurde – ein subtiler Hinweis auf die Fiktion.

Der Glaube, dass medial vermittelte Informationen wahr sind, sitzt tief.

Seit es das Internet gibt, ist jedoch alles anders geworden. Hier findet sich Wahrheit, Lüge, Fiktion und Wirklichkeit in derart enger Gemeinschaft, dass auch der nüchterne „User“ die Dinge nicht mehr voneinander unterscheiden kann. Die größte Schwierigkeit, sich die allgegenwärtigen unzähligen Informationen einigermaßen auf Distanz zu halten, liegt in der Entscheidung darüber, ob eine Nachricht wichtig ist oder nicht.

Schon zu Orson Welles Zeiten herrschte ein Medienkrieg, in den er mit seinem Hörspiel geraten war. So wurde auch behauptet, es hätte keine Massenpanik gegeben, die kopflose Hysterie wäre nur ein mediales Ereignis gewesen. Immerhin wird eingeräumt, dass es – zumindest bei einigen Leuten – Panik gegeben hatte, es wurde sogar von einem Todesopfer berichtet.

Tatsächlich ist das Einholen von Informationen einerseits einfacher geworden, andererseits sind die wenigsten davon auch für uns wirklich wichtig. Wir werden aber trotzdem damit belästigt und daher müssen wir ständig mit viel Energieaufwand unsere Wirklichkeit neu konstituieren. Unsere Wahrnehmung verändert sich. Wir leben in virtuellen Welten und verlieren den Kontakt zum wirklichen Leben. Wirklich ist offensichtlich nur noch, was im Internet existiert. Wir verlieren den Sinn für Qualität. Wir lassen uns mitreißen von dem, was uns die Medien befehlen, für wichtig zu halten.

Ein Beispiel wäre der Lena-Wahn, den die Massenmedien im Frühsommer dieses Jahres inszenierten. Lena Meyer-Landruth hatte den Eurovisions-Schlagerwettbewerb gewonnen mit einem seichten Liedchen, – aber mit Hilfe von Stefan Raab, einem fragwürdigen, jedoch höchst erfolgreichen TV-Entertainer. Zeitungen und Internetforen lobten Lena und ihren Manager hymnisch. Bei ihrer Rückkehr nach Deutschland wurden sie von einer vierzigtausendköpfigen (!) Menschenmenge empfangen. Hysterischer Jubel brach aus, als die bewegenden Worte gesprochen wurden: „Ich heiße Nena Meyer-Landruth und ich habe den Eurovisions-Song-Contest gewonnen.“ – „Wahnsinn!“ schrieb die Süddeutsche Zeitung in ihrem Streiflicht.

Wir kennen ja spätestens seit Elvis Presley oder den Beatles die übertriebene Begeisterung für Popstars. Im Allgemeinen kann man davon ausgehen, dass sie sich mit Beendigung der Pubertät beruhigt. Nicht selten aber bleibt ein „harter Kern“ von Fans (bzw. Fanatikern), erhalten, der in dem Wahn lebt, durch die übertriebene Begeisterung und Überidentifikation mit dem Idol zu verschmelzen und dadurch selbst ein Teil von ihm zu werden.

Informationen aller Art, die ständig wiederholt werden, stellen in den angesteuerten Hirnregionen neuronale Verknüpfungen her, so dass sich entsprechend die Struktur des Gehirns verändert. Solche Veränderungen finden auch noch im höchsten Alter statt. Allerdings müssen die jeweiligen Informationen emotional besetzt, d.h. bedeutsam sein. Das ist der Grund für die überbordende Sensationshascherei der Medien. Informationen bleiben nur hängen und bekommen die gewünschte Aufmerksamkeit, wenn sie Emotionen wecken. Wir verändern uns demnach permanent, – meist ohne es selbst zu bemerken. Das wäre an sich eine gute Botschaft, denn sie beweist, dass wir immer noch lernen und uns verändern können. Die Plastizität unseres Gehirns hat aber auch einen großen Nachteil: Wir sind den ständigen Wiederholungen schutzlos ausgesetzt, wir können uns nicht dagegen wehren. Es sei denn um den Preis des Ausschlusses aus der Gesellschaft. Denn unsere Wahrnehmung schaltet nie ganz ab. Wir können zwar das Bewusstsein weitgehend ausschalten, aber wir bemerken trotzdem immer mehr, als wir uns dies vielleicht sogar manchmal wünschen.

David Altheide, ein bedeutender amerikanischer Soziologe und Medienwissenschaftler, hat sich mit der Art und Weise, wie der Irak-Krieg in den USA medial vorbereitet wurde, auseinander gesetzt. Nach seinen Erkenntnissen wurden die Nachrichten so verbreitet, dass zwangsläufig eine Einheitsmeinung generiert wurde. Plumpe Propaganda wird heute allerdings weniger eingesetzt. Wir werden viel subtiler gesteuert. Dies geschieht z.B. dadurch, dass unerwünschte Inhalte in den Nachrichten einfach weggelassen werden oder Nachricht und Meinung nicht mehr sauber voneinander getrennt werden. Im Stakkato werden Informationen mit einem Gemisch von belanglosen und wichtigen Nachrichten über die Sender geschickt. Das Publikum wird so in Atem gehalten, dass man am Nachrichtensender hängen bleibt, wie ein Süchtiger an der Nadel.

Die Neuigkeiten müssen in ein Schlagwort-Format passen und starke Emotionen wecken. Besonders beliebt sind sentimentale und gleichzeitig grausame Geschichten. Alle Medienschaffenden kennen die neuronalen Effekte solcher Gehirnwäsche und nutzen sie.

Altheide machte auf die unheilvolle Allianz zwischen Politik und Massenmedien in den USA aufmerksam: Nach dem Anschlag vom 11. September wurde konsequent die angebliche Massenvernichtungswaffen-Produktion im Irak mit dem Terrorismus der Al Kaida sowie mit erfundenen Opfergeschichten und Drogenkriminalität verquickt. Damit wurde eine Politik der Angst und Bedrohung als dominantes Motiv für die Nachrichten und die gesamte Medienkultur in den USA implementiert, Es wurde konsequent täglich eine Mischung aus Angst und Bedrohung in der Bevölkerung erzeugt.

Vor diesem Bedrohungs-Hintergrund wurde der Irakkrieg angezettelt und gleichzeitig ein Überwachungsstaat mit erheblichen Einschränkungen der Bürgerechte durchgesetzt. Eine gekonnte Propaganda und die Kooperation der größten US-Nachrichtenmedien mit der Politik ermöglichten es, dass komplexe Ereignisse mit eindeutigen Lügen erklärt werden durften. Die Aufforderung an die Bürger, gegenüber potentiellen terroristischen Anschlägen wachsam zu sein, diffamierte die aufmerksamen, rationalen und Alternativen abwägenden Mitbürger als destruktiv, als Feinde der Vereinigten Staaten. Eine intrusive Überwachung aller privaten Lebensbereiche und voyeristische Kameras waren die Folge dieser veränderten Informationsgesellschaft. Dabei ist das eigentliche Ärgernis dieser Überwachung und der zahlreichen Körperkontrollen, dass der Staat damit kommuniziert, dass dieses Kontrollformat die Menschen als Objekt und nicht mehr als Subjekt betrachtet.

Wenn die Forschung nach einer Theorie der Evidenz des Terrorismus und der Bedrohung sucht, einer Evidenz dafür, dass alle verdächtig sind und etwas verbergen, so trifft man auf  das soziologische Paradox, dass diese Theorie und ihre Evidenz schwer zurückzuweisen sind, weil es innerhalb dieser Logik keinen Platz für eine gegenteilige Evidenz gibt, so Altheide.

Die meisten Amerikaner glaubten nach diesem medialen Bombardement, Saddam Hussein wäre schuld an den Anschlägen vom 11. September. Dies hatte mit der ständigen Wiederholung der Bilder der Anschläge zu tun, die mit Geschichten über Gräueltaten im Irak und Kriminalität gemischt, permanent gesendet wurden. Die Terrorismus-Legenden haben nach Altheide der Evidenz, wenn man sie als vollständiger Gewissheit verstehen will, einen Makel aufgedrückt.

Offenbar bildet sich bei uns Menschen – wenn wir nicht von vernünftiger Seite gebremst werden – von Zeit zu Zeit eine Art von Wahnblase, die ihren Irrsinn in Aktion setzen muss. (Das Wort „Blasenbildung“ kennen wir bezeichnenderweise vom Aktienmarkt.) Welch’ schreckliche Formen sie annehmen kann, sehen wir an vielen Beispielen aus der Geschichte. Man sollte glauben, wir wären aufgrund dieser Erfahrungen ein für alle Mal für derartige Exzesse immun, es ist aber zu befürchten, dass wir noch gar nicht bemerkt haben, dass Wahn in immer neuen Verkleidungen auftritt und sich seine Opfer sucht.

Absichtlich gesteuerte Wahnbildungen gab es schon immer und überall. Kriege, Krisen und Umwälzungen in Politik und Wirtschaft natürlich auch. Der Anpassungsdruck durch krisenhafte Ereignisse begünstigt solche Entwicklungen. Heute können sich aber solche Massenwahn-Phänomene über das Internet mit einer Geschwindigkeit ausbreiten, dass sie nicht mehr zu beherrschen sind.

Können wir überhaupt noch zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden? Sind

wir noch in der Lage, eine Entscheidung darüber zu treffen, was uns und unseren Mitmenschen zuträglich ist oder nicht, wenn wir täglich einer Bilderflut von monströsen Verbrechen, brutalem Sex, Morden, Hunger, Naturkatastrophen usw. ausgesetzt werden? Kann dies auf Dauer ohne Schaden für unsere Psyche bleiben? Wir lernen am Modell, (A. Bandura) aber die Produzenten der unappetitlichsten Videos und Killerspiele werden nicht müde zu behaupten, die Filme und Killerspiele hätten keinen Einfluss auf das Verhalten oder auf unsere Charakterbildung – und man hätte ja die freie Wahl, abzuschalten. Die Gewaltexzesse der Jugendlichen sprechen eine deutlich andere Sprache.

Schillers Vorlesung „zu Mannheim“ vom 26. Juni 1784 mit dem Titel „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?“ wäre jedem Medienschaffenden als Pflichtlektüre zu verordnen:

Es ist nicht Übertreibung, wenn man behauptet, dass diese auf der Schaubühne aufgestellten Gemälde mit der Moral des gemeinen Manns endlich in eins zusammenfließen, und in einzelnen Fällen seine Empfindung bestimmen.“ (F. Schiller Bd. V, dtv S. 823)… und …“Ich kenne nur ein Geheimnis, den Menschen vor Verschlimmerung zu bewahren und dieses ist – sein Herz gegen Schwächen zu schützen. – Einen Großen Teil dieser Wirkung können wir von der Schaubühne erwarten. „ (ebenda: S. 825).

Wenn Schiller schreibt „Unmöglich kann ich hier den großen Einfluss übergehen, den eine gute stehende Bühne auf den Geist der Nation haben würde.“

Wenn unsere TV-Programme, die You Tubes, Facebooks usw. keine stehende Bühne sind, was sind sie dann? Schiller hätte sicher gejubelt, über die ungeheuren Möglichkeiten dieser „Schaubühne“, wie positiv diese auf die „Nation“ wirken könnte; – angesichts der Wirklichkeit aber würde er verzweifeln und sich mit Grausen abwenden.

Die sarkastischen Vorschläge in Online-Foren, z. B. des SPIEGEL, die im Frühsommer, nach dem Rücktritt unseres Bundespräsidenten Horst Köhler, Stefan Raab als Nachfolger vorschlugen, waren nicht alle so absurd gedacht, wie man glauben könnte. Für Lena wurde sofort nach ihrem Eurovisions-Sieg von der SPD das Bundesverdienstkreuz gefordert – warum nicht auch gleich Stefan Raab für das höchste Amt? Lena for Kanzler! – Raab for President! … – … Wahnsinn!

 

Literatur:

Altheide, D.L.: Terror Post 9/11 and the Media War. Peter Lang New York, 2009
Bandura, A., Walters, R. H.: Social learning and Personality Development. New York, 1963
Jung, C. G.: Das Gewissen in psychologischer Sicht. Vortrag 1957/58. In: GW Bd. 10, Zivilisation im Übergang. Walter-Verlag, Olten, 1974
Schiller, F.: Sämtliche Werke in 5 Bänden. Bd. V. Theoretische Schriften, S. 818-831. Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken? dtv München, 2004
Wagner, R.: Die Meistersinger von Nürnberg. Dritter Aufzug. Reclams Universal Bibliothek Nr. 5639. Philipp Reclam jun., Stuttgart 2002